
Das Statistische Bundesamt hat Wissen und Zeit seiner Preisstatistikexperten investiert, um besser zu verstehen, wieso es zu Unterschieden zwischen subjektiver Inflationswahrnehmung und amtlich ermittelter Teuerung kommen kann. Der von Professor Brachinger von der Universität Freiburg, Schweiz entwickelte und in Kooperation mit dem Statistischen Bundesamt berechnete "Index der wahrgenommenen Inflation (IWI)" wurde im September 2005 erstmals vorgestellt.
Dieser Index weist für die Zeit vom Januar 2001 bis zum Dezember 2002, also im Jahr vor und nach der Einführung des Euro-Bargelds, in Deutschland eine monatliche Steigerungsrate von durchschnittlich 7% aus. Diese Zahl liegt mehr als viermal so hoch wie die vom amtlichen Verbraucherpreisindex ausgewiesene mittlere Preisänderung gegenüber dem Vorjahresmonat im gleichen Zeitraum. Der Unterschied lässt sich damit erklären, dass in dieser Zeit überdurchschnittlich große Preiserhöhungen gerade bei solchen Gütern auftraten, die durch eine besonders hohe Kaufhäufigkeit gekennzeichnet sind. In der Abbildung ist die Entwicklung beider Indizes gegenübergestellt.

Mit der IWI-Modellrechnung wird – ausgehend von Erkenntnissen der Wahrnehmungspsychologie – die subjektive Inflationswahrnehmung der Konsumenten nachgebildet. Der IWI basiert auf drei wesentlichen Annahmen über die subjektive Wahrnehmung: Erstens werden Preissteigerungen höher bewertet als Preissenkungen. Zweitens schlägt es in der Wahrnehmung besonders zu Buche, wenn häufig gekaufte Produkte teurer werden. Und drittens vergleichen die Konsumenten die aktuellen Güterpreise nicht immer mit den Preisen von vor genau einem Jahr, sondern oft auch mit Preisen, die weiter als ein Jahr zurückliegen.
Die Berechnungen des IWI beruhen also nicht auf einer Befragung von Konsumenten über ihre Inflationswahrnehmung. Mit dem Index lässt sich jedoch zeigen, wie sich die "wahrgenommene Inflation" entwickelt hat, wenn man von den genannten Annahmen zur subjektiven Wahrnehmung ausgeht. Die Inflationswahrnehmung war unter diesen Annahmen gerade zum Zeitpunkt der Euro-Einführung besonders hoch. Sie befand sich aber auch im Jahresdurchschnitt 2005 noch auf einem Niveau, das deutlich über den Veränderungsraten des Verbraucherpreisindex lag. Bis zum Ende des untersuchten Zeitraums bestand also weiterhin ein deutlicher Unterschied zwischen "wahrgenommener" und amtlich ermittelter Inflation.
Weitere Informationen zu diesem Projekt enthält der Artikel von Professor Brachinger "Der Euro als Teuro? Die wahrgenommene Inflation in Deutschland" sowie der Aufsatz "Messung der wahrgenommenen Inflation in Deutschland: Die Ermittlung der Kaufhäufigkeiten durch das Statistische Bundesamt". Beide Veröffentlichungen sind in der Zeitschrift "Wirtschaft und Statistik 09/2005" erschienen.
STATmagazinVersion: 2.25.5 / 20.10.2008