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Geburtenentwicklung

Die Geburtenentwicklung wird häufig anhand der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau dargestellt. Um diesen scheinbar einfachen Indikator richtig zu interpretieren, muss man jedoch wissen, ob er sich auf ein Kalenderjahr oder auf einen Frauenjahrgang bezieht. Im folgenden Beitrag werden die beiden Maßzahlen erläutert.
 

Was ist die zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre?

Die auf Grundlage der Statistik der Geburten ermittelte zusammengefasste Geburtenziffer des Jahres 2009 lag bei durchschnittlich 1,36 Kindern je Frau. Diese – auf ein Kalenderjahr bezogene – zusammengefasste Geburtenziffer ist der meist verwendete Indikator in der politischen und öffentlichen Diskussion. Sie liefert zeitnah wichtige Hinweise zu Veränderungen im Geburtenverhalten der Bevölkerung, die zumeist infolge von sozialen, ökonomischen oder politischen Umstellungen auftreten (Schaubild "Zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre"). Die von der Altersstruktur der Bevölkerung unabhängige zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre bietet die Grundlage für Vergleiche des Geburtenniveaus zwischen einzelnen Zeiträumen oder Regionen. Bei der Untersuchung der Geburtenentwicklung müssen auch Unterschiede in der Geburtenhäufigkeit je nach dem Alter der Frau beachtet werden.

Die zusammengefasste Geburtenziffer eines Kalenderjahres bezieht sich auf alle Frauen, die im betrachteten Jahr im Alter von 15 bis 49 Jahren waren. Bei der Berechnung der  zusammengefassten Geburtenziffer wird unterstellt, dass diese Frauen einen hypothetischen Jahrgang (Kohorte) bilden. Die zusammengefasste Geburtenziffer des Jahres 2009 wird deshalb wie folgt interpretiert: Wenn das Geburtenverhalten der Frauen in den 35 Jahren zwischen ihrem 15. und 50. Geburtstag so wäre wie das durchschnittliche Geburtenverhalten aller 15- bis 49-jährigen Frauen im Jahr 2009, dann würden sie im Laufe ihres Lebens durchschnittlich ca. 1,36 Kinder bekommen. Das Geburtenverhalten wird dabei anhand der altersspezifischen Geburtenziffern der Frauen in den einzelnen Altersjahren von 15 bis 49 Jahren gemessen. (Die altersspezifische Geburtenziffer zeigt die Relation zwischen der Zahl der von Müttern eines bestimmten Alters geborenen Kinder und der Zahl aller Frauen dieses Alters.)
Aufgrund ihres hypothetischen Charakters eignet sich die zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre nur eingeschränkt dazu, die Entwicklung der endgültigen Kinderzahl, die eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommt, treffend zu beurteilen. Für diesen Zweck wird die zusammengefasste Geburtenziffer der Frauenjahrgänge herangezogen.

Die zusammengefasste Geburtenziffer zwischen 1950 und 2009

Zu Beginn der 1960er Jahre hatten beide Teile Deutschlands einen Anstieg der Zahl der Geburten mit den höchsten zusammengefassten Geburtenziffern der Nachkriegszeit von 2,5 Kindern je Frau erlebt. Die damals geborenen Kinder bilden heute die starken Jahrgänge der Mittvierziger. Das folgende rapide Sinken der Zahl der Geburten setzte in der ehemaligen DDR schon 1964 ein, seit 1967 nahm auch im früheren Bundesgebiet die Zahl der Geburten kontinuierlich ab. Damit verringerte sich auch die zusammengefasste Geburtenziffer stark.


Der Rückgang im früheren Bundesgebiet dauerte fast zwanzig Jahre, Mitte der 1980er Jahre erreichte die zusammengefasste Geburtenziffer ihr Tief mit weniger als 1,3 Kindern je Frau. Das Absinken der zusammengefassten Geburtenziffer wurde hierbei nicht nur dadurch verursacht, dass tatsächlich weniger Kinder als in den Jahren davor geboren wurden. Zu diesem Rückgang der Geburtenhäufigkeit trug auch bei, dass ein immer größerer Teil der Frauen ihre Familiengründung in ein höheres Alter aufgeschoben hat. Danach stieg die zusammengefasste Geburtenziffer bis 1990 auf 1,45 an und schwankte dann – mit Ausnahme von einzelnen Jahren – geringfügig um 1,4 Kinder je Frau.
Die ehemalige DDR wirkte dem Geburtenrückgang ab Mitte der 1970er Jahre mit umfangreichen staatlichen Fördermaßnahmen für Familien mit Kindern entgegen. Diese Politik führte sogar zu einem kurzfristigen Anstieg der zusammengefassten Geburtenziffer im Jahr 1980 auf 1,94 Kinder je Frau. Dann ging auch hier die Geburtenhäufigkeit allmählich wieder zurück. In Folge der wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche, die in den neuen Ländern mit der deutschen Wiedervereinigung einhergingen, brach hier die Zahl der Geburten und mit ihr die zusammengefasste Geburtenziffer stark ein: Von 1990 bis 1994 sank die zusammengefasste Geburtenziffer von 1,52 auf 0,77. Seit 1995 nimmt die damit gemessene Geburtenhäufigkeit der Frauen in den neuen Ländern wieder zu. Im Jahr 2007 war sie mit 1,37 Kindern je Frau genauso hoch und ab dem Jahr 2008 mit 1,40 Kindern je Frau bereits höher als in den alten Ländern.

Die Ergebnisse der laufenden Geburtenstatistik für das Kalenderjahr 2009 zeigen für Deutschland einen minimalen Rückgang der zusammengefassten Geburtenziffer von 1,38 auf 1,36 Kinder je Frau. Dafür ist vorrangig die Abnahme der Geburtenhäufigkeit in den alten Ländern (ohne Berlin) verantwortlich. In den neuen Ländern (ohne Berlin) blieb die Geburtenziffer konstant bei 1,40 Kindern je Frau.

Im Jahr 2009 haben vor allem Frauen im Alter zwischen 33 und 40 Jahren durchschnittlich mehr Kinder bekommen als die gleichaltrigen Frauen in den Jahren davor. In den jüngeren Jahrgängen nahm die Geburtenhäufigkeit weiter ab.


Was ist die zusammengefasste Geburtenziffer der Frauenjahrgänge?

Die endgültige Zahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens durchschnittlich bekommt, unterscheidet sich bisher meistens von der aktuellen, auf ein Kalenderjahr bezogenen zusammengefassten Geburtenziffer. Die zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre bezieht sich auf einen konstruierten hypothetischen Jahrgang. Dagegen gibt die endgültige Kinderzahl das spezifische Verhaltensmuster in Bezug auf die Familienbildung realer Frauenjahrgänge wider. Die Frauen der älteren Jahrgänge haben ihre Kinder meistens zu einem früheren Zeitpunkt in ihrem Leben bekommen als die Frauen jüngerer Generationen. Während des Übergangs zu dem neuen Geburtenverhalten, der sich zuerst im Rückgang der Geburtenhäufigkeit der unter 30-Jährigen äußerte, sank die zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre rapide (Schaubild "Zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre"): Ende 1960er – Anfang der 1970er Jahre im früheren Bundesgebiet, Anfang der 1990er Jahre in den neuen Ländern. Da die späte Familiengründung jedoch nicht zwangsläufig weniger Kinder bedeutet, haben viele Frauen ihre Geburten in höherem Alter „nachgeholt“. Der Anstieg des Alters der Frauen bei der ersten Geburt führte zwar – insbesondere im früheren Bundesgebiet – letztlich zum Absinken der endgültigen Kinderzahl bei den Frauen der betroffenen Jahrgänge. Dies fiel aber nicht so gravierend aus, wie der Rückgang der zusammengefassten Geburtenziffer der Kalenderjahre von Ende der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre zunächst vermuten ließ.

Wie viele Kinder ein Frauenjahrgang zur Welt bringt, kann anhand der zusammengefassten Geburtenziffern der Frauenjahrgänge (Kohorten) ermittelt werden. Dafür werden die altersspezifischen Geburtenziffern für jedes Alter von 15 bis 49 Jahren aufsummiert. Dabei wird aber nicht nur ein bestimmtes Kalenderjahr betrachtet, sondern es werden für einen Frauenjahrgang die altersspezifischen Geburtenziffern aus den 35 Kalenderjahren herangezogen, in denen die Frauen dieses Jahrgangs die Altersjahre zwischen dem 15. und 50. Geburtstag durchleben. Die zusammengefasste Geburtenziffer der Frauenjahrgänge (auch endgültige Kinderzahl genannt) kann deshalb erst dann ermittelt werden, wenn die Frauen der entsprechenden Kohorte das 50. Lebensjahr erreicht haben, also 49 Jahre alt geworden sind. Im Jahr 2009 betraf dies den Jahrgang 1960; die Frauen dieses Jahrgangs brachten durchschnittlich 1,7 Kinder zur Welt.
Für jüngere Frauen können hilfsweise die bis zum jeweiligen Alter erreichten durchschnittlichen Kinderzahlen (ermittelt als Summe der altersspezifischen Geburtenziffern bis zu diesem Alter) herangezogen werden. Die Zahl der Kinder, die diese Frauen später noch bekommen werden, ist jedoch erst einmal unbekannt.

Die zusammengefasste Geburtenziffer der Frauenjahrgänge ab 1930

Zwischen den Frauenjahrgängen im früheren Bundesgebiet einerseits und in den neuen Ländern andererseits zeigen sich Unterschiede sowohl im aktuellen Niveau als auch in der bisherigen Entwicklung der Geburtenhäufigkeit (Schaubild "Zusammengefasste Geburtenziffer der Frauenkohorten"). Die in den 1930er Jahren geborenen Frauen brachten in beiden Teilen Deutschlands im Durchschnitt noch etwa gleich viele Kinder zur Welt: die zusammengefasste Geburtenziffer der Frauen dieser Kohorten lag über 2 Kindern je Frau. Innerhalb der nächsten dreißig Jahre ging die endgültige Kinderzahl je Frau im früheren Bundesgebiet um etwa 25% zurück. Besonders schnell sank sie zwischen den Jahrgängen 1934 (2,2) und 1943 (1,8). Dieser Rückgang spiegelte den Übergang vom stark ausgeprägten familienorientierten Geburtenverhalten in den Zeiten des sogenannten Babybooms (Ende der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre) zu neuen Lebensstilen und -formen wider, die sich infolge des sozialen Wandels um das Ende der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre herausgebildet haben. Danach hat sich der Rückgang fortgesetzt, er verlief aber langsamer. Die Frauen der Kohorte 1960, die im Jahr 2009 das 50. Lebensjahr erreichten, haben im früheren Bundesgebiet durchschnittlich 1,6 Kinder zur Welt gebracht.
In der ehemaligen DDR nahm die endgültige Kinderzahl der Frauenjahrgänge zwar ebenfalls ab, diese Entwicklung erfolgte jedoch nach einem ähnlichen Anfang sanfter als im früheren Bundesgebiet. Zwischen den Kohorten 1934 und 1947 ging die endgültige Kinderzahl von 2,1 auf 1,8 Kinder je Frau zurück und verharrte danach auf diesem relativ hohen Niveau bis heute. Auch die Anfang der 1960er Jahre in der ehemaligen DDR geborenen Frauen haben durchschnittlich mindestens 1,8 Kinder je Frau geboren. Wie aus Schaubild "Zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre" ersichtlich, sank das aktuelle Geburtenniveau auch in der ehemaligen DDR Anfang der 1970er Jahre beträchtlich. Der Geburtenrückgang war hier aber von kurzer Dauer: bereits ab 1976 nahm die zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre wieder zu. Die endgültige Kinderzahl der Frauenjahrgänge wurde von diesem kurzen Rückgang nicht beeinträchtigt.
Für die Kohorten nach 1960 ist in beiden Teilen Deutschlands mit einer Abnahme der endgültigen Kinderzahl zu rechnen. Darauf deutet zumindest das Geburtenniveau der Frauen hin, die das 35. Lebensjahr erreicht haben. So ging die durchschnittliche Kinderzahl der 34-Jährigen von der Kohorte 1960 bis zur Kohorte 1975 im früheren Bundesgebiet um 13% und in den neuen Ländern um 28% zurück. Obwohl die Geburten bei Frauen über 35 Jahren aktuell zunehmen, wird dieser Rückstand kaum bis zum Alter von 49 Jahren aufgeholt werden können.


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Version: 2.25.5 / 20.10.2008