Gerhard Fürst wurde am 1. Mai 1897 in Berlin als Sohn eines Architekten und Bauunternehmers geboren.
Gerhard Fürst wurde am 1. Mai 1897 in Berlin als Sohn eines Architekten und Bauunternehmers geboren. Seine jungen Jahre waren durch den Ersten Weltkrieg geprägt, den er nach dem Kriegsabitur als Freiwilliger von Anfang an mitmachte und mit allen seinen Schrecken erlebte. 1917 geriet er in französische Kriegsgefangenschaft. Aus ihr kehrte er erst Anfang 1920 zurück. Nach seiner Rückkehr studierte er in Berlin Staatswissenschaften, eine damals noch neue Fachrichtung. Er beendete sein Studium nach drei Jahren mit der Promotion.
Fürst fand bald eine Beschäftigung im Statistischen Reichsamt, zuerst in der Lohnstatistik, später bei der Vorbereitung und Durchführung der Volks- und Berufszählung 1925. 1930 gab Fürst, mitten in der Weltwirtschaftskrise, seine sichere Beamtenkarriere auf und bewarb sich beim Völkerbund in Genf als Sekretär des "Ausschusses Statistischer Sachverständiger". Er hatte das Glück, über den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund im Dritten Reich hinaus dort bleiben zu können. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs musste Fürst aus dem Völkerbundssekretariat ausscheiden und ging, da er trotz aller Ablehnung des Nationalsozialismus nicht emigrieren wollte, 1940 nach Berlin zurück.
In Berlin fand Fürst in der von einem ehemaligen Reichsamtskollegen geleiteten Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG-Farbenindustrie, die ein Zufluchtsort für manchen Gegner des herrschenden Regimes war, eine neue Tätigkeit. Anfang 1945 wurde die Abteilung nach Marburg a.d. Lahn verlagert, das kurz darauf von den Amerikanern überrollt wurde. Die Familie Fürst teilte das Schicksal vieler Evakuierter, die außer einigen Koffern nichts gerettet hatten.
Fürsts Bemühungen, in Hessen am Wiederaufbau der deutschen Verwaltung mitzuwirken, führten bald zum Erfolg, da das von den Besatzungsmächten völlig neu zugeschnittene und besonders gründlich entnazifizierte Land einen großen Bedarf an geeigneten Kräften hatte. Schon im Dezember 1945 wurde ihm der Aufbau und die Leitung des Hessischen Statistischen Landesamtes in Wiesbaden übertragen. Das Amt hatte nach einem Jahr bereits mit Erfolg eine Volks-, Berufs- und Wohnungszählung durchgeführt und die damals wesentlichen laufenden Statistiken in Gang gesetzt oder vorbereitet.
Schon früh setzte eine engere Zusammenarbeit zwischen den Statistischen Ämtern der amerikanischen Besatzungszone ein, die durch den gemeinsamen Willen zum Wiederaufbau und die alte Bekanntschaft der Amtsleiter aus der Reichsamtszeit sehr gefördert wurde. Fürst übernahm den Vorsitz im "Statistischen Ausschuss der Amerikanischen Besatzungszone" im Länderrat in Stuttgart.
Es folgten ab Ende 1946 Verhandlungen mit der britischen Besatzungszone, der Zusammenschluss zur Bizone mit ihren Verwaltungen in Minden und schließlich die Gründung des "Vereinigten Wirtschaftsgebietes" mit Sitz in Frankfurt. Während dieser Zeit arbeiteten die Statistiker beider Zonen in zahlreichen Zusammenkünften mit und neben den Militärregierungen Pläne für die Organisation der amtlichen Statistik im Vereinigten Wirtschaftsgebiet aus, die schon bald zu konkreten Ergebnissen führten. Eines der ersten Gesetze, das das damalige Frankfurter Wirtschaftsparlament beschloss, betraf die Errichtung eines Statistischen Amtes des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (Gesetz vom 21. Januar 1948) in Wiesbaden. Zu seinem Leiter wurde Dr. Fürst ernannt.
Nach der Eingliederung der französischen Zone wurde das Statistische Amt des Vereinigten Wirtschaftsgebietes mit der Führung der Statistik für Bundeszwecke beauftragt und schließlich in das Statistische Bundesamt umgewandelt, das mit Fürst seinen ersten Präsidenten bekam.
Dass ein Mann mit Fürsts Erfahrungen und Qualitäten für den Wiederaufbau der amtlichen Statistik in der Nachkriegszeit zur Verfügung stand, war ein seltener Glücksfall. Fürst hat den organisatorischen Aufbau der Bundesstatistik - bei vorgegebener föderalistischer Gliederung - von Anfang an entscheidend mit gestaltet. Auf ihn geht vor allem die fachliche Konzentration der amtlichen Statistik in einem zentralen Amt zurück. Diese Idee setzte er gegen den Willen der Besatzungsmächte durch, die, nach angelsächsischen Vorstellungen, die Statistiken den Ministerien zuordnen und dem Statistischen Amt nur eine Koordinierungsfunktion zubilligen wollten. Die von ihm erkämpfte Organisationsform schuf die Voraussetzung für die Entwicklung eines in sich geschlossenen, vielseitigen Ansprüchen genügenden, gut koordinierten und rationell gestalteten Gesamtsystems der amtlichen Statistik.
Als es nach dem Kriege galt, zunächst einmal die wichtigsten Basisinformationen über Bevölkerung, Produktion, Versorgung und öffentliche Finanzen zur Verfügung zu stellen, konnte vielfach an Reichsamtsstatistiken angeknüpft werden. Aber die Zeiten änderten sich rasch, und die Anforderungen wurden vielfältiger und differenzierter. Fürst hat es stets als eine der wesentlichsten Aufgaben des Statistikers angesehen, neue Fragestellungen aufzuspüren und von sich aus Anregungen zur Weiterentwicklung des statistischen Instrumentariums zu geben. Durch enge Kontakte zu den staatlichen und privaten Konsumenten der amtlichen Statistik, zur Gesellschafts- und Wirtschaftsforschung und zu internationalen und ausländischen Stellen gelang es, den zukünftigen Informationsbedarf frühzeitig zu erkennen und entsprechende statistische Vorhaben auf den Weg zu bringen.
Er war von Anfang an der Meinung, die sich erst später als allgemeine Auffassung durchgesetzt hat, dass die amtliche Statistik nicht nur Hilfsmittel für die öffentliche Verwaltung ist, sondern darüber hinaus auch unmittelbar der Öffentlichkeit zu dienen hat, insbesondere den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisationen, der Wirtschaft und der Bevölkerung und nicht zuletzt der Forschung und Wissenschaft. Dadurch, dass er Interessenteneinflüsse wirksam von der Bundesstatistik fernhielt, hat er erreicht, dass ihre Ergebnisse in der Öffentlichkeit allgemein als objektive, von allen Seiten gleichermaßen verwendbare Informationen anerkannt wurden.
Das Bild der modernen Statistik hat Fürst besonders nachhaltig dadurch geprägt, dass er über detaillierte Informationen für Teilgebiete hinaus für die Entwicklung eines in sich geschlossenen Gesamtbildes der Bevölkerung und der Wirtschaft eintrat. Einen nützlichen Rahmen dafür bildeten vor allem die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, deren Aufbau er mit Nachdruck förderte. Ohne die Marshallplan-Hilfe, für die Sozialproduktsangaben als Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verlangt wurden, wäre das anfänglich nur schwer gelungen, denn der Wirtschaftsminister, der die Bundesrepublik gerade von den Fesseln der Bewirtschaftung befreit hatte, sah in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen mehr oder minder ein Planungsinstrument. Heute sind sie - inzwischen stark ausgebaut - in aller Welt ein unentbehrlicher und zentraler Bestandteil der amtlichen Statistik. Über ihren eigentlichen Zweck hinaus haben sie dazu beigetragen, das Informationsangebot systematisch zu vervollständigen und für die Teilgebiete saubere, überschneidungsfreie und aufeinander abgestimmte Konzepte zu entwickeln.
Über die inhaltliche Verbesserung und Weiterentwicklung der Statistik hinaus hat Fürst sich stets auch für die Einführung moderner Methoden und Techniken und die Rationalisierung der statistischen Arbeiten eingesetzt, u.a. für die Reduzierung der Großzählungen auf das unbedingt erforderliche Maß, für die Einführung von Stichprobenverfahren (z.B. Mikrozensus und Einkommens- und Verbrauchsstichprobe) und für den frühzeitigen Übergang auf die elektronische Datenverarbeitung.
Große Aufmerksamkeit hat er ferner der Verbreitung statistischer Ergebnisse - damals vor allem durch ein differenziertes Veröffentlichungssystem - und der Öffentlichkeitsarbeit gewidmet in der richtigen Erkenntnis, dass die besten Ergebnisse nichts nutzen, wenn sie nicht in wirksamer Form an die Konsumenten herangetragen werden. Fürst hat es vor allem auch verstanden, auf vielen Wegen die Wirtschaft, die seit jeher in erheblich stärkerem Maße als die Bevölkerung zu statistischen Erhebungen herangezogen wird, vom Nutzen der amtlichen Statistik zu überzeugen.
Einen beträchtlichen Teil seiner Arbeitskraft hat Fürst schließlich der internationalen Zusammenarbeit gewidmet. Er war u.a. einer der Mitbegründer der "Konferenz Europäischer Statistiker" in Genf und zeichnete sich hier und in einer Reihe weiterer Organisationen, denen er in amtlicher Eigenschaft oder als gewähltes Mitglied angehörte, durch intensive Mitarbeit aus. Vor allem seinen hervorragenden Kenntnissen und diplomatischen Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass wir im Ausland sehr schnell wieder aus einem mit Reserve betrachteten Außenseiter zu einem geachteten Mitglied statistischer Gremien und zu einem geschätzten Gesprächspartner geworden sind.
Ein stolzer Augenblick in seinem Leben war es zweifellos - und für den Architektensohn ganz besonders -, als er ein neues Bürogebäude für das Statistische Bundesamt (StBA) durchgesetzt hatte und wir 1955 aus 14 über die Stadt verstreuten Behelfsunterkünften in das helle, zweckmäßig eingerichtete 14stöckige Hochhaus einziehen konnten.
Wegen seiner großen Verdienste um die Bundesstatistik und seiner herausragenden Leistungen wurde Fürsts Amtszeit, was nur ganz ausnahmsweise geschah, dreimal verlängert. Er schied dadurch erst mit 67 Jahren Ende 1964 aus dem Bundesdienst aus. Während seiner aktiven Dienstzeit hatte er noch eine ganze Reihe anderer wichtiger Funktionen ausgeübt und auf allen diesen Gebieten zahlreiche Ehrungen erfahren. So war er u.a. Bundeswahlleiter und Vorsitzender der Wahlkreiskommission, Vorsitzender oder Mitglied in nationalen und internationalen Regierungsgremien, Vorsitzender oder Vorstandsmitglied nationaler und internationaler wissenschaftlicher Gesellschaften usw.
Auch nach seiner Pensionierung war Fürst noch viele Jahre in ungebrochener Schaffenskraft tätig, u.a. als Gutachter für den Bundesrechnungshof und das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften, als Sachverständiger für Gesamtwirtschaftliche Vorausschätzungen bei internationalen Organisationen, als persönliches Mitglied im Rationalisierungskuratorium der Deutschen Wirtschaft, als Vorsitzender der Deutschen Statistischen Gesellschaft und als Organisator und Referent auf nationalen und internationalen Weiterbildungsveranstaltungen.
Gerhard Fürst gehört zu den nun schon fast legendären Männern "der ersten Stunde", die am Wiederaufbau und dem Werden und Wachsen unseres Staates maßgeblich beteiligt waren. Durch sein Wirken und unter seinem Einfluss hat sich die amtliche Statistik in der Bundesrepublik in kürzester Zeit zu einem leistungsfähigen Instrument einer umfassenden Wirtschafts- und Gesellschaftsbeobachtung, zu einer unentbehrlichen Grundlage für politische Entscheidungen und zu einer objektiven, vielseitigen Informationsquelle für die breite Öffentlichkeit und die wissenschaftliche Forschung entwickelt. Über den nationalen Rahmen hinaus hat Fürst der Bundesstatistik auch international zu hohem Ansehen verholfen.