Normalansicht

Navigation und Service

Logo Destatis - Statistisches Bundesamt, Link zur Startseite

Arbeitsmarkt

Erwerbstätigkeit: Steigende Erwerbstätigenzahl nicht nur auf Wirtschaftswachstum zurückführbar

Destatis, 02. Januar 2008

Im Oktober 2007 waren nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes 40,36 Millionen Personen in Deutschland erwerbstätig, was den Höchstwert der letzten Aufschwungphase vom November 2000 um 587 000 Personen übertrifft. Nie waren in Deutschland so viele Menschen erwerbstätig, wie in diesem Oktober. Jüngste Konjunkturprognosen mehrerer Wirtschaftsinstitute gehen von einer weiteren Zunahme der Erwerbstätigen um rund 0,8% bei einem realen Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von rund 2,2% im Jahr 2008 aus.

Ein Blick in die Vergangenheit

Während verlässliche Prognosen auch zur Entwicklung der Erwerbstätigenzahlen immer nur für einen kurzen Zeitraum möglich sind, können retrospektive Betrachtungen über mehrere Jahrzehnte angestellt werden. Gerade vor dem Hintergrund des aktuellen konjunkturellen Booms können solche retrospektiven Betrachtungen helfen, die momentane Entwicklung besser einzuordnen. Das Statistische Bundesamt hat im Rahmen der letzten Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) jüngst eine Rückrechnung der Erwerbstätigenzahlen bis zum Jahr 1970 angestellt. Somit kann die Entwicklung von 1970 bis 1991 für das frühere Bundesgebiet und ab 1991 für das wiedervereinigte Deutschland anhand vergleichbarer Zeitreihen betrachtet werden.

Größere Ansicht des Diagramms 'Erwerbstätige im früheren Bundesgebiet und in Deutschland'Bild vergrößernErwerbstätige im früheren Bundesgebiet und in Deutschland

Die Zahl der Erwerbstätigen hat von 1970 bis heute deutlich zugenommen. Vor dieser Grundtendenz zeigt sich zusätzlich eine zyklische Zu- und Abnahme der Zahl. Sowohl die zyklische Entwicklung als auch der positive Grundtrend weisen einen ähnlichen Verlauf wie die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes auf.

Die Entwicklung im früheren Bundesgebiet bis 1991…

Für das frühere Bundesgebiet zeigen sich drei Phasen mit steigender Beschäftigung. Die erste geht bis 1973 mit 27,18 Millionen Erwerbstätigen. Der darauf folgende Rückgang hält bis 1976 an und beträgt rund eine Million Personen. Die nächste Hochphase der Beschäftigung findet sich 1980/81, die den Umfang von 1973 mit 27,45 Millionen leicht übertrifft. Nach der daran anschließenden Abschwungphase bis 1983 setzt eine ununterbrochene Zunahme der Erwerbstätigen bis 1991 ein. Bereits 1985 wird der bisherige Höchstwert übertroffen und 1991 sind im Bereich des früheren Bundesgebietes immerhin 31,26 Millionen Menschen erwerbstätig.

… und im wiedervereinigten Deutschland bis heute

Die erste Phase des wiedervereinigten Deutschland beginnt mit einem deutlichen Beschäftigungsrückgang. 1991 sind auf dem gesamten Gebiet 38,62 Millionen Menschen erwerbstätig. In den nächsten zwei Jahren sinkt der Wert um über eine Million auf 37,56 Millionen und stagniert ungefähr auf diesem Wert bis 1997. Im Vergleich dazu hat das Bruttoinlandsprodukt in diesem Zeitraum (mit der Ausnahme von 1993) real durchweg zugenommen. Erst 1998 setzt wieder ein Wachstum der Erwerbstätigenzahl ein und erreicht im Jahresdurchschnitt 2001 einen Höchstwert von 39,32 Millionen arbeitenden Menschen. In den darauf folgenden zwei Jahren geht sie leicht um 600 000 Erwerbstätige zurück und nimmt dann nur zögerlich zu. 2006 liegt das Jahresmittel bei 39,09 Millionen Erwerbstätigen.

Der Verlauf der Beschäftigungsentwicklung in den letzten 37 Jahren zeigt, dass sich hier keine Rückschlüsse  über typische "Erwerbstätigkeitszyklen" ziehen lassen. Die Länge und Art der Entwicklung der Erwerbstätigkeit in einzelnen Zyklen waren sehr unterschiedlich. Ein genauerer Vergleich mit der Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes zeigt, dass Parallelen in der Veränderung zu finden sind, sich Wirtschaftswachstum aber nicht eins zu eins in Arbeitsstellen umsetzt. Als ein Beispiel sei die Phase von 1993 bis 1997 genannt, in der einem Wirtschaftswachstum keine Zunahme an Erwerbstätigkeit gegenübersteht.

Ist Wirtschaftswachstum wichtig für Beschäftigungswachstum?

Größere Ansicht des Diagramms 'Relative Vorjahresveränderung des Bruttoinlandproduktes (preisbereinigt) und der Erwerbstätigenzahl'Bild vergrößernRelative Vorjahresveränderung des Bruttoinlandproduktes und der Erwerbstätigenzahl

Ökonomen gehen davon aus, dass das reale Wachstum des Bruttoinlandsproduktes erst eine bestimmte Höhe erreichen muss, bevor es zu einer Beschäftigungszunahme führt. Diese sogenannte Beschäftigungsschwelle lag in den letzten Jahren bei rund 1,5% Wirtschaftswachstum wohingegen in den Jahrzehnten davor von einem höheren Wert von wenigstens 2% ausgegangen wurde. Diese Erklärung scheint mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte stichhaltig zu sein. In allen genannten Perioden mit steigenden Erwerbstätigenzahlen lag auch das reale Wirtschaftswachstum bei 2% oder mehr. Die Zunahme der Erwerbstätigenzahl setzt dabei teilweise mit einjähriger Verzögerung ein bzw. geht über die Phase eines zunehmenden Bruttoinlandsproduktes hinaus. Einzelne Jahre mit größerem Wirtschaftswachstum reichen dabei nicht aus, eine entsprechende Zunahme an Erwerbstätigen zu generieren.

Bei der Zahl der Erwerbstätigen muss allerdings auch bedacht werden, dass hier Köpfe gezählt werden, aber nicht der Arbeitsumfang. Wenn man davon ausgeht, dass insgesamt ein bestimmtes Arbeitsvolumen in Deutschland zu erledigen ist, müsste die Zahl der Erwerbstätigen steigen, wenn mehr Personen Teilzeit arbeiten oder eine geringere Arbeitszeit haben.

Tabelle: Geleistete Arbeitsstunden im Inland

Sinkendes Arbeitsvolumen

Gemäß den Zahlen der Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wurde 2006 in Deutschland insgesamt 56 Milliarden Stunden gearbeitet. Grundsätzlich zeigt sich in den letzten vier Jahrzehnten eine fallende Tendenz, die in guten konjunkturellen Phasen gebremst und teilweise umgekehrt wird. 1991 lag die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden noch bei 59,79 Milliarden Stunden. Zwischen 1970 und 1991 sank das geleistete Arbeitsvolumen im früheren Bundesgebiet von 52,29 Milliarden auf 48,73 Milliarden Stunden.

Diese Abnahme bedeutet zweierlei: Zum einen musste in den letzten Jahrzehnten immer weniger gearbeitet werden, um eine immer höhere Wirtschaftsleistung zu erbringen. Das heißt, die Produktivität der Arbeit ist gestiegen. Zum anderen haben trotzdem immer mehr Menschen in Deutschland gearbeitet. Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen und Jahr liefert die Erklärung: Weitestgehend unabhängig von der Konjunktur ist diese Zahl stetig gesunken. 1970 arbeitete ein Erwerbstätiger im früheren Bundesgebiet durchschnittlich noch 1966 Stunden pro Jahr. 1991 waren es nur noch 1 559 Stunden. Zu dieser Entwicklung trägt zu einem Großteil die steigende Frauenerwerbstätigkeit mit dem hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigung bei. Die Wiedervereinigung Deutschlands veränderte das durchschnittliche Arbeitspensum kaum. Die durchschnittliche Stundenzahl sank weiter und hat sich seit 2003 stabilisiert. Im Jahr 2006 arbeitete ein Erwerbstätiger durchschnittlich 1 436 Stunden.

Lesen Sie auch die Beiträge dieser Ausgabe:

Erwerbsbeteiligung in Deutschland und Europa

Beschäftigungsfelder von Männern und Frauen


Autor:
Christian Wingerter - Statistisches Bundesamt

Auskünfte zum Thema erhalten Sie über unser Kontaktformular.

© Statistisches Bundesamt (Destatis), 2018

Impressum – Datenschutz – Kontakt – Barrierefrei

Hinweis zur Verwendung von Cookies

Um unsere Website für Sie optimal gestalten zu können, verwenden wir Cookies. Bitte bestätigen Sie, dass Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen haben.

OK