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Arbeitsmarkt

Erwerbslosigkeit im internationalen Vergleich

Destatis, 03. März 2009

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ist mit dem Jahreswechsel 2008/09 auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt angekommen. Der Arbeitsmarkt reagiert in der Regel mit einer Verzögerung von knapp zwei Quartalen auf die konjunkturelle Entwicklung. Bislang hat er sich in Deutschland relativ gut gegen die ökonomischen Verwerfungen behauptet. Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Entwicklung der Erwerbslosenquoten in Deutschland, den USA--Vereinigten Staaten von Amerika und den Staaten der Europäischen Union. Als Datenquelle für die deutschen Erwerbslosenzahlen sowie die der anderen EU-Mitgliedsstaaten dient die EU-weit durchgeführte und harmonisierte Arbeitskräfteerhebung. In Deutschland ist sie in den Mikrozensus integriert. Datenquelle für die Erwerbslosenzahlen der USA ist die monatliche Haushaltsbefragung "Current Population Survey".

Deutsche Wirtschaft schrumpft

Lange schien die Krise hauptsächlich auf die Finanzmärkte und die USA, von denen sie ihren Ausgang nahm, beschränkt zu sein. Sie begann im Frühjahr 2007 mit der sogenannten Subprime-Krise, die sich durch die vielfältigen Verflechtungen der Finanzmärkte weltweit auszubreiten begann. Sie spitzte sich bis September 2008 so zu, dass einzelne amerikanische Geldhäuser verstaatlicht wurden oder Insolvenz anmelden mussten. In Deutschland wurde gleichzeitig bekannt, dass auch eine deutsche Bank ernsthaft in Bedrängnis geraten war. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Finanzkrise bereits merkliche Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Deutschland verzeichnet seit dem zweiten Quartal 2008 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes im Vorquartalsvergleich, also ein Schrumpfen der Wirtschaft.

Arbeitsmarkt in Deutschland bislang robust

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt blieb die positive Gesamtentwicklung noch über das dritte Quartal hinaus erhalten. Allerdings verlangsamte sich der Anstieg der Zahl der in Deutschland Erwerbstätigen ab April 2008. Im März legte die Erwerbstätigenzahl noch um 1,7 % im Vergleich zum März des Vorjahres zu. Bis Dezember ging dieser Zuwachs im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat bis auf 0,9 % zurück. Möchte man die konjunkturell bedingte Veränderung der Erwerbstätigenzahl von Monat zu Monat vergleichen, muss sie um rein saisonal bedingte Veränderungen bereinigt werden. Beispielsweise steigt zu Jahresbeginn die Erwerbslosigkeit, bedingt durch die Beendigung des Weihnachtsgeschäftes und negative Einflüsse der kalten Witterung an. Um solche saisonalen Effekte bereinigt, sank die Zahl der Erwerbstätigen nach ihrem Höchststand von 40,41 Millionen im Oktober 2008 leicht auf 40,37 Millionen im Dezember.

Bei der Entwicklung der Erwerbslosen zeigt sich ein vergleichbares Bild. Betrachtet man hier wieder die um saisonale Effekte bereinigten Werte, waren im Dezember 2008 3,12 Millionen Menschen in Deutschland erwerbslos. Im Dezember des Vorjahres waren es noch 290 000 mehr. Im Laufe des Jahres 2008 ist die Zahl der Menschen ohne Arbeit nach und nach bis Oktober auf 3,09 Millionen gefallen. Sie ist dann bis Dezember wieder um rund 30 000 Personen angestiegen. Die entsprechende Erwerbslosenquote ist von 7,9% im Dezember 2007 auf 7,2% im Dezember 2008 gefallen.

 

Der letzte Höchststand der saisonbereinigten Erwerbslosenquote war im März 2005 mit 10,8%. Das heißt, in der zurückliegenden wirtschaftlichen Aufschwungphase ist die deutsche Erwerbslosenquote bis zum Dezember 2008 um 3,6 Prozentpunkte gefallen. Im März 2005 waren noch 4,64 Millionen Personen in Deutschland erwerbslos. Im Dezember 2008 waren es 1,52 Millionen oder 32,8% weniger. Männer und Frauen haben mit Blick auf die Erwerbslosigkeit in ähnlichem Maße von der zurückliegenden Aufschwungphase profitiert. Im Dezember 2008 lag die Erwerbslosenquote der Frauen bei 7,0%, die der Männer bei 7,5%. In beiden Fällen war die Quote um rund ein Drittel niedriger als noch im März 2005.

Nach 16 Jahren deutsche Quote erstmals wieder niedriger als amerikanische

In der wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Diskussion gelten die Vereinigten Staaten von Amerika oft als Maßstab für Deutschland und die dort relativ niedrigen Arbeitslosenzahlen werden als Vorbild genommen. International vergleichbare Berechnungskonzepte lassen solche Gegenüberstellungen, wie im Folgenden die Erwerbslosenquote nach dem Erwerbsstatuskonzept der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), zu.

Größere Ansicht des Diagramms Erwerbslosenquoten in den USA und in DeutschlandBild vergrößernQuotenvergleich zwischen USA und Deutschland

Bis zum Jahr 1992 wiesen die USA eine ähnliche oder gar höhere Erwerbslosenquote auf als Deutschland. Den USA gelang es zwischen 1992 und 2000, die Erwerbslosenquote kontinuierlich von im Jahresdurchschnitt 7,5% auf 4,0% zu senken. Ein Anstieg infolge der wirtschaftlichen Schwäche-
phase zu Beginn des neuen Jahrtausends konnte fast ganz wieder auf das Ausgangsniveau von 2000 zurückgeführt werden. Erst 2008 stieg die Erwerbslosenquote in den USA deutlich an und lag im Jahresdurchschnitt bei 5,8%.

In Deutschland kam es mit Beginn der 1990er Jahre hingegen zu einem Aufbau an Erwerbslosigkeit, die in der anschließenden Aufschwungphase nicht auf das Ausgangsniveau zurückgeführt werden konnte. Die deutsche Erwerbslosenquote erreichte ihre Höhepunkte 1997 mit 9,2% und 2005 mit 10,6%. Im Jahr 2005 war die deutsche Erwerbslosenquote mehr als doppelt so hoch wie die amerikanische. Danach fiel die deutsche Quote kontinuierlich und lag im Jahresdurchschnitt 2008 bei 7,2%.

Die Entwicklung während 2008 mit Bezug auf die monatlichen Quoten zeigt die Verschlechterung am amerikanischen Arbeitmarkt deutlicher. In den ersten vier Monaten lag die saisonbereinigte Quote relativ konstant bei 5%. Ab Mai begann sie deutlich zu steigen und legte kontinuierlich zu bis sie im Dezember 7,2% erreichte. Im Vergleich zum Vorjahresmonat Dezember 2007 stieg sie um 2,3 Prozentpunkte oder 47 Prozent.

Noch einmal zum Vergleich: im gleichen Zeitraum ging die deutsche Erwerbslosenquote um 0,7 Prozentpunkte oder 9% zurück.

Die für beide Länder aktuell bereits vorliegenden Zahlen für Januar 2009 zeigen, dass nach einer gleich hohen Erwerbslosenquote im Dezember 2008 Deutschland nach 16 Jahren mit 7,3% erstmals eine niedrigere Erwerbslosenquote hat als die USA--Vereinigten Staaten von Amerika. Dort lag die Quote im Januar bei 7,6%.

Deutsche Erwerbslosenquote im Vergleich zur Europäischen Union unterdurchschnittlich

Für die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union liegen derzeit Erwerbslosenquoten bis Dezember 2008 vor. Für Griechenland, Italien, Rumänien und das Vereinigte Königreich stehen sie noch aus, weswegen sie bei der folgenden Betrachtung nicht berücksichtigt werden können.

Größere Ansicht des Diagramms Veränderung der Erwerbslosenquoten zwischen Dezember 2007 und 2008Bild vergrößernVeränderung der Erwerbslosenquoten

In der Europäischen Union lag die Erwerbslosenquote im Dezember 2008 bei 7,4%. Sie war ab August 2008 gestiegen, während sie die Monate davor relativ konstant bei 6,9% gelegen hatte. Im Vergleich zum Dezember 2007 ist sie um 0,6% gestiegen. In Deutschland lag die Erwerbslosenquote im Dezember des vorletzten Jahres noch über einen Prozentpunkt höher als im EU-Durchschnitt. Im Dezember 2008 lag sie unter den Durchschnitt der Mitgliedsstaaten.

Die Erwerbslosenquoten stellen sich in den Mitgliedsstaaten der EU--Europäische Union, sowohl was deren Höhe als auch was ihre Veränderung im Verlauf des letzten Jahres angeht, sehr unterschiedlich dar. Länder mit den niedrigsten Quoten im Dezember 2008 waren die Niederlande (2,7%) und Österreich (3,9%). Immerhin weist die Hälfte der Mitgliedsstaaten der letzten beiden Erweiterungswellen der Union eine für die EU--Europäische Union unterdurchschnittliche Erwerbslosenquote aus. Deutschland liegt trotz seiner Erfolge bei der Reduzierung der Erwerbslosigkeit auf dem 14. Rang. Das Schlusslicht bildet Spanien mit seiner extrem hohen Erwerbslosenquote von 14,4%. Davor liegen Lettland (10,4%), die Slowakei (9,4%) und Estland (9,2%).

Unterschiedliche Entwicklungen der Erwerbslosigkeit in Europa

Bei allen Unterschieden lassen sich für die Mitgliedsstaaten der EU vier Entwicklungsmuster der Quoten ausmachen. Die erste Gruppe besteht aus Ländern, die im Saldo des Jahres 2008 ihre Erwerbslosenquoten noch merklich senken konnten. Das sind gerade vier Länder. Neben Deutschland sind dies Bulgarien, Polen und die Slowakei. In diesen Ländern gingen die Erwerbslosenquoten bis September oder Oktober zurück und stagnierten dann oder stiegen geringfügig. Im Jahressaldo verzeichneten Polen mit -1,7 Prozentpunkten und die Slowakei mit -0,9 Prozentpunkten den größten Rückgang.

In einer zweiten Gruppe von Staaten blieb die Erwerbslosigkeit im Jahresverlauf auf einem konstanten Niveau. Im Jahressaldo weisen diese Staaten also keine oder sehr kleine Veränderungen ihrer Erwerbslosenquoten auf und die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Erwerbslosenquoten sind nicht erkennbar. Dazu zählen Belgien, Slowenien, die Tschechische Republik, Malta, die Niederlande, Österreich, Portugal und Finnland.

Die meisten Staaten der EU befinden sich in einer Gruppe, bei der sich die Entwicklung der Erwerbslosenquoten im Jahresverlauf zu verschlechtern begann. Bis zu diesem Punkt waren die Erwerbslosenquoten konstant oder leicht rückläufig. Dazu zählen Dänemark, Estland, Frankreich, Lettland, Litauen, Luxemburg, Schweden, Ungarn und Zypern. Bei den meisten Staaten dieser Gruppe fand der Umschwung im zweiten Quartal statt. Das Ausmaß ist sehr unterschiedlich. In den drei baltischen Staaten begann mit dem Juni eine sehr starke Zunahme, so dass im Jahressaldo die estnische Erwerbslosenquote um 5,1, die lettische um 4,7 und die litauische um 3,7 Prozentpunkte zulegte. In Dänemark und Schweden stiegen die Erwerbslosenquoten um gut einen Prozentpunkt. Das oben beschriebene Entwicklungsmuster für die USA--Vereinigten Staaten von Amerika für 2008 entspricht dem dieser Gruppe.

Die vierte und letzte Gruppe zeichnet sich durch kontinuierlich steigende Erwerbslosenquoten von Beginn des Jahres 2008 aus. Zu ihr zählen Spanien und Irland. Die Zunahme der Erwerbslosenquote steigert sich in diesen Ländern auch im Jahresverlauf, allerdings ist kein klarer Zeitpunkt auszumachen, an dem zu einer negativen Gesamtentwicklung der Einfluss der Wirtschaftskrise hinzukommt. Von allen untersuchten Ländern ist die Entwicklung der Erwerbslosenquote in Spanien mit einem Zuwachs von 5,7 Prozentpunkten am ungünstigsten. In Irland steigt die Quote um immerhin 3,5 Prozentpunkte.

Fazit

Der Vergleich der Erwerbslosenquoten in der Europäischen Union und den USA--Vereinigten Staaten von Amerika zeigt, dass eine einheitliche Auswirkung der Weltwirtschaftskrise bislang nicht festzustellen ist. Auch lassen sich aufgrund der Monatsergebnisse des Jahres 2008 noch keine Aussagen zur weiteren Entwicklung ableiten. Festzustellen ist allerdings, dass gegen Ende 2008 der Abbau von Erwerbslosigkeit in allen betrachteten Staaten zum Erliegen gekommen ist.

Deutschland hat sich in diesem Kontext bislang mit am besten behauptet. Im Vergleich zum Vorjahresmonat hat Deutschland auch 2008 noch die Erwerbslosigkeit reduzieren können, verfügt mittlerweile mit Bezug auf die EU über eine unterdurchschnittliche Erwerbslosenquote und befindet sich diesbezüglich zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder auf dem gleichen Niveau wie die USA. Ob sich der deutsche Arbeitsmarkt weiterhin als relativ robust gegen die konjunkturelle Entwicklung erweist, werden die nächsten Monate zeigen.


Autor:
Christian Wingerter - Statistisches Bundesamt

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