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Bildung, Forschung, Kultur

Ab in die Schweiz? Ärzte im Wanderfieber

Destatis, 11. Mai 2010

Bildung in Deutschland ist ein kostbares (und kostspieliges) Gut. Das wird in vielen gesellschaftlichen Diskussionen deutlich. Die Debatten um das Abschneiden bei der PISA-Studie, die Einführung von Studiengebühren und die geplante Erhöhung des Etats für Bildung und Forschung auf 10% des Bruttoinlandsproduktes zeigen die ökonomische und soziale Bedeutung von Bildung für die Zukunft. In Zeiten, in denen die öffentlichen Haushalte größten Sparzwängen unterworfen sind, wird um den Erhalt der Bildungsqualität und deren Finanzierung in besonderem Maße gerungen. So ist es heutzutage umso drastischer, wenn sich gut ausgebildete Akademiker entscheiden, ihre Karriere im Ausland fortzusetzen. Dass dem deutschen Staat weit mehr als die Steuereinnahmen verloren gehen, sei am Beispiel deutscher Ärzte in der Schweiz erläutert. Was ihre Ausbildung kostet und wie viele Ärzte in den letzten Jahren in das eidgenössische Nachbarland ausgewandert sind, lässt den Umfang des Verlustes an "Humankapital" erahnen.

Ärzteausbildung hat ihren Preis

Größere Ansicht des Diagramms Laufende Ausgaben der Universitäten pro Studienabschluss 2007Bild vergrößernLaufende Ausgaben der Universitäten pro Studienabschluss 2007

Unter den Studiengängen an deutschen Universitäten gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Ausgaben je Studierenden. Im Durchschnitt betrugen 2007 die laufenden Ausgaben für einen Studienplatz an einer deutschen Universität 8 400 Euro. Der Bereich mit den höchsten Kosten war die Fächergruppe Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften. Jeder solche Studienplatz wurde 2007 durchschnittlich mit rund 32 800 Euro bezuschusst. In die Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte floss damit jährlich fast viermal soviel wie in die eines Mathematikers oder Naturwissenschaftlers (9 000 Euro). Ein Studienplatz in der Fächergruppe Sprach- und Kulturwissenschaften kostete 5 200 Euro, bei den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 4 600 Euro.

Insgesamt belastete die Ausbildung jedes Arztes von der Schule bis zum Eintritt in das Berufsleben die Schul- und Hochschulträger 2007 mit rund 278 000 Euro. Für die schulische Ausbildung bis zum Abitur entstanden pro Kopf Kosten in Höhe von rund 67 000 Euro. Dazu kommen für jeden Studienabschluss -mit einer durchschnittlichen Studiendauer von mehr als sechs Jahren (12,9 Semester)– rund 211 000 Euro an laufenden Ausgaben. Bei 11 363 Absolventen im Jahr 2007 sind in deren Ausbildung allein von den Trägern rund 3,2 Milliarden Euro geflossen.

Schweiz: Verlockend für Ärzte

Größere Ansicht des Diagramms Fortzüge von Deutschen in die drei beliebtesten Auswanderungsländer 2008Bild vergrößernDie drei beliebtesten Auswanderungsländer 2008

Angesichts des sich abzeichnenden Ärztemangels –insbesondere in ländlichen Regionen– besteht ein besonders großes Interesse daran, dass die hier ausgebildeten Medizinerinnen und Mediziner im Inland bleiben. Aber auch Ärzte zieht es, wie viele andere Berufsgruppen, in den letzten Jahren vermehrt ins Ausland, unter anderem in die Schweiz. Sie ist seit 2005 das beliebteste Auswanderungsziel der Deutschen. Auf den Plätzen zwei und drei folgten 2008 mit deutlichem Abstand die USA und Polen.


Laut Eurostat nahm die Zahl deutscher Ärzte in der Schweiz in den vergangenen Jahren kontinuierlich zu. 2008 lebten und arbeiteten rund 3 300 kürzlich (innerhalb der letzten 5 Jahre) eingewanderte deutsche Ärzte in dem kleinen Alpenland. Geht man von der Annahme aus, dass diese Ärzte ihre Ausbildung in Deutschland mit ähnlich hohen Kosten für ein Studium wie 2007 absolviert haben, bedeutet dies, dass etwa 917 Millionen Euro Ausgaben nun –zumindest zeitweise– dem schweizerischen Gesundheitssystem zugute kommen.

Sicherlich kann die Auswanderung von Ärzten nicht allein volkswirtschaftlich als "wanderndes Humankapital" betrachtet werden. Hinter jeder Übersiedlung steht ein Mensch mit persönlichen Gründen, die ihn oder sie bewogen haben, eine Arbeit im Ausland anzunehmen. Neben der individuellen Entscheidung sind vor allem auch Arbeitsbedingungen und die Bezahlung entscheidende Faktoren, die Ärzte bewegen, ihren Arbeitsplatz im Ausland zu suchen.

Lieb, aber nicht teuer

Junge Ärzte (bis unter 35 Jahren) in Deutschland müssen sich in der ersten Phase ihres Berufslebens zunächst mit einer relativ geringen Bezahlung zufrieden geben. Zwar wurden die schlechtbezahlten 18 Monate als "Arzt im Praktikum (AIP)" 2004 abgeschafft, wodurch sich das verfügbare Nettoeinkommen auch für junge Ärzte erhöht hat. Nach eigenen Angaben verfügten sie 2008 als Vollzeitbeschäftigte im Durchschnitt über 2 490 Euro netto im Monat. Insgesamt, also unter allen Ärzten, lag das monatliche Durchschnittseinkommen (netto) bei 4 350 Euro. Die mitunter hohen Einkommensunterschiede zwischen etablierten Chefärzten und Assistenzärzten an deutschen Kliniken sind durch die Durchschnittseinkommen jedoch nicht abgebildet.

Am besten verdienten Ärzte, die außerhalb des öffentlichen Dienstes beschäftigt waren. Sie hatten rund 4 770 Euro netto im Monat zur Verfügung.

Das Einkommen kann nicht isoliert, sondern muss in Relation zur wöchentlichen Arbeitszeit gesehen werden. Sie betrug bei jungen Ärzten 2008 in Deutschland knapp 46 Stunden pro Woche und ist mit leichten Schwankungen in den letzten Jahren stabil geblieben. Zwar arbeiteten die jungen Ärzte damit etwa drei Stunden weniger als der Durchschnitt aller deutschen Ärzte (49 Stunden pro Woche), aber gegenüber anderen akademischen Berufseinsteigern erheblich mehr. Umgerechnet 12,50 Euro netto erhielt damit durchschnittlich ein junger Arzt 2008 für eine Stunde Arbeitszeit. Demgegenüber steht ein hoher Grad an Verantwortung, den viele –auch junge– Klinikärzte tragen und Arbeitszeiten, die Nachtdienste und Wochenendschichten beinhalten.

Tabelle: Einkommen und Arbeitszeit vollzeitbeschäftigter Ärztinnen und Ärzte

Auch wenn die Abwanderung vor allem junger Ärzte volkswirtschaftlich betrachtet wenig Begeisterung hervorruft, so bietet sie auch Vorteile, von denen Patienten in Deutschland profitieren. Denn Mediziner, die den Blick über den Tellerrand wagen, lernen im Ausland andere Gesundheitssysteme kennen. Vieles von dem Erfahrenen kann, falls sich die Ärzte zur Rückkehr ins Heimatland entschließen, zur Weiterentwicklung der ärztlichen Versorgung in Deutschland beitragen.

Und auch das deutsche Gesundheitssystem profitiert mitunter von der Wanderfreude junger Ärzte: Von den 2005 insgesamt rund 14 000 praktizierenden ausländischen Ärzten kamen etwa zwei Drittel bereits nach Abschluss ihrer Ausbildung (im Alter zwischen 30 und 34 Jahren) nach Deutschland.


Autorinnen:

Doktor Nicole Buschle und Kerstin Hänsel - Statistisches Bundesamt

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