Normalansicht

Navigation und Service

Logo Destatis - Statistisches Bundesamt, Link zur Startseite

Gesundheit

Männer und Frauen im Gesundheitswesen: Ein Kostenvergleich

Destatis, 03. Februar 2009

Größere Ansicht des Diagramms Bevölkerung und Krankheitskosten 2006 nach Anteilen und GeschlechtBild vergrößernBevölkerung und Krankheitskosten

Für den Erhalt und die Wiederherstellung unserer Gesundheit werden jährlich beachtliche finanzielle Mittel aufgebracht: Im Jahr 2006 entstanden in Deutschland für die Prävention, Behandlung, Rehabilitation und Pflege von erkrankten Menschen Krankheitskosten von rund 236 Milliarden Euro, das sind 2 870 Euro pro Kopf.

Schnell fällt bei der Auseinandersetzung mit den Kosten im Gesundheitswesen eine Besonderheit auf: Während sich die Bevölkerung im Jahr 2006 aus rund 4% mehr Frauen als Männern zusammensetzte, überschritten die Krankheitskosten der Frauen die der Männer um 36%. Welche Erklärung gibt es für diese Geschlechterdifferenz?

Kosten rund um Verhütung, Schwangerschaft und Geburt

Die Verteilung der Krankheitskosten auf medizinische Diagnosen wird anhand der "Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme" (ICD) vorgenommen. Die International Classification of Diseases (ICD) wurde von der Weltgesundheitsorganisation für die Gesundheitsstatistik entwickelt, um das Krankheitsgeschehen differenziert und erschöpfend im internationalen Vergleich erfassen zu können. Kosten rund um Verhütung, Schwangerschaft und Geburt sind ein Bestandteil davon und werden den Personen zugeordnet, die diese Leistungen in Anspruch nehmen. Inwiefern tragen die Kosten rund um die Reproduktion zu der beobachteten Geschlechterdifferenz bei?

Im Jahr 2006 fielen bei Frauen 3,1 Milliarden Euro für die Inanspruchnahme des Gesundheitswesens durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett an. Hinzu kamen noch 1,5 Milliarden Euro bei Frauen und 0,2 Milliarden Euro bei Männern durch Probleme im Zusammenhang mit der Reproduktion. Bereinigt um diese reproduktionsbezogenen Kosten verringert sich die ursprüngliche Geschlechterdifferenz von 35,9 Milliarden Euro auf 31,5 Milliarden Euro. Mit anderen Worten: Ohne die Leistungen rund um Verhütung, Schwangerschaft und Geburt überschreiten die Krankheitskosten der Frauen die der Männer nicht mehr im ursprünglichen Umfang, aber nach wie vor markant und zwar um knapp 32% (siehe auch "Kostenmerkmale": Variante A).

Frauen – hohe Lebenserwartung, hohe Krankheitskosten?

Die demografische Situation in Deutschland ist von einer Besonderheit gekennzeichnet, die in der Literatur auch als "Feminisierung des Alters" beschrieben wird. Gemeint ist der deutlich höhere Frauenanteil unter der älteren Bevölkerung. Laut Bevölkerungsstatistik waren im Jahresdurchschnitt 2006 ab dem 65. Lebensjahr 58% und ab dem 85. Lebensjahr 75% der Bevölkerung weiblich. Das ungleiche Geschlechterverhältnis ist vor allem eine Folge der beiden Weltkriege und der höheren Lebenserwartung der Frauen.

Größere Ansicht des Diagramms Krankheitskosten nach Altersgruppen und GeschlechtBild vergrößernKrankheitskosten nach Alter und Geschlecht

Auch bei den Krankheitskosten verschiebt sich das Geschlechterverhältnis im Alter: Ab dem 65. Lebensjahr entstanden 62% und ab dem 85. Lebensjahr sogar 80% der Kosten bei Frauen. Der Schluss liegt nahe, die stärkere Inanspruchnahme des Gesundheitswesens der Frauen könne mit ihrem höheren Anteil an der älteren Bevölkerung zusammenhängen. Anders formuliert: Wie ausgeprägt wäre die Kostendifferenz, wenn es ebenso viele ältere Frauen wie ältere Männer gäbe?

Dieser hypothetische Fall kann berechnet werden. Dazu werden die Kostenverteilungen der Geschlechter altersstandardisiert, indem die durchschnittlichen altersspezifischen Pro-Kopf- Krankheitskosten der Frauen auf die Altersstruktur der männlichen Bevölkerung angelegt werden. Mit diesem Vorgehen wird die Verteilung der Krankheitskosten abgeschätzt unter der Annahme, die Altersstruktur der männlichen und weiblichen Bevölkerung sei vollkommen identisch (bei ansonsten konstanten Bedingungen).

Das Ergebnis dieser Berechnung zeigt: Altersstandardisiert überschreiten die erwarteten Krankheitskosten der Frauen die der Männer nur noch um 11%. Gleichzeitig verringert sich die ursprüngliche Kostendifferenz auf 10,7 Milliarden Euro. Werden zusätzlich die reproduktionsbezogenen Leistungen abgezogen, überschreitet der Erwartungswert der Frauen den der Männer sogar nur noch um 6%. Die Geschlechterdifferenz beträgt in diesem Fall noch 6,1 Milliarden Euro (siehe Schaubild "Kostenmerkmale": Variante B).

Diese Angaben sind das Resultat eines hypothetischen Rechenbeispiels: Auf Basis der gegebenen realen Verhältnisse werden unter bestimmten Annahmen fiktive Kostenverteilungen errechnet. Sie zeigen aber, dass die Geschlechterdifferenz, wenn auch nicht vollständig, so doch in beträchtlichem Umfang als Altersstruktureffekt gedeutet werden kann.

Kosten in Pflegeeinrichtungen

Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass Frauen ihre (Ehe-)Partner im Alter häufiger pflegen, während sie selbst verstärkt auf außerfamiliale und daher oft kostenträchtigere Pflegeangebote angewiesen sind. Das wird vorrangig auf die im Durchschnitt höhere Lebenserwartung und das niedrigere Heiratsalter der Frauen zurückgeführt. Dieser Zusammenhang könnte die geschlechtsspezifische Verteilung der Krankheitskosten in Pflegeeinrichtungen erklären: Im Jahr 2006 fiel mit 26,2 Milliarden Euro gut ein Zehntel der gesamten Krankheitskosten in ambulanten oder (teil-)stationären Pflegeeinrichtungen an. Dabei war der Frauenanteil generell, besonders aber im Alter erhöht: Ab dem 65. Lebensjahr lag er bei 76% und ab dem 85. Lebensjahr sogar bei 85%.

Größere Ansicht des Diagramms Tatsächliche und hypothetische Krankheitskosten 2006 nach GeschlechtBild vergrößernKrankheitskosten

Auch der Beitrag dieser Kosten zur Geschlechterdifferenz lässt sich abschätzen: Werden von den alterstandardisierten reproduktionsbereinigten Krankheitskosten zusätzlich die Leistungen, die in Pflegeeinrichtungen entstehen, abgezogen, reduziert sich die Geschlechterdifferenz nochmals: In diesem hypothetischen Fall beträgt sie nur noch 3,7 Milliarden Euro. Zugleich überschreitet der Erwartungswert der Frauen den der Männer im Vergleich nur noch um 4% (siehe Schaubild "Kostenmerkmale": Variante C).

Krankheitskosten von Frauen und Männern nähern sich an

Der Blick zurück ins Jahr 2002 zeigt, dass die Differenz der Krankheitskosten von Frauen und Männern in der Vergangenheit noch größer war. Der Abstand verringerte sich von 2002 bis 2006 um 2,8 Milliarden Euro. Während die Kosten der Frauen die der Männer im Jahr 2002 noch um 43% überschritten, lag dieser Wert vier Jahre später bei 36%.

Hintergrund dafür ist ein deutlich stärker ausgeprägtes Wachstum der Krankheitskosten von Männern als von Frauen. Besonders deutlich war es in der Altersgruppe von 65 Jahren und mehr: Im Vergleich zu 2002 stiegen hier die Krankheitskosten der Männer um 25% (8,5 Milliarden Euro) gegenüber einem Plus bei den Frauen um 13% (8 Milliarden Euro). Dabei hat gerade in dieser Altersgruppe ein besonders ausgeprägter Kostenanstieg in Höhe von 16,5 Milliarden Euro stattgefunden. Zum Vergleich: Insgesamt hatten sich die Krankheitskosten in diesem Zeitraum um 17,2 Milliarden Euro erhöht.

Dazu beigetragen hat die demografische Entwicklung. Da unter den älteren Menschen die Zahl der Männer deutlich zugenommen hat, fällt die Entwicklung der durchschnittlichen Pro-Kopf-Krankheitskosten nämlich moderater aus: Gegenüber 2002 stiegen sie bei über 64-jährigen Männern um 5,3% (+ 320 Euro) und bei den gleichaltrigen Frauen um 3,8% (+ 270 Euro).


Autorin: Manuela Nöthen - Statistisches Bundesamt

Auskünfte zum Thema erhalten Sie über unser Kontaktformular

© Statistisches Bundesamt (Destatis), 2017

Impressum – Kontakt – Barrierefrei