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Internationales

Global Player Brasilien vor Herausforderungen

Destatis, 3. Juni 2014

Die Freude am Fußball und die Kunst des Fußballspiels haben nirgendwo einen größeren Stellenwert als in Brasilien, dem Austragungsort der am 12. Juni beginnenden FIFA-Fußball­weltmeister­schaft 2014. Ideale Voraussetzungen, um sich der Welt als perfekter Gastgeber dieses Sportereignisses zu präsentieren. Doch im Land des Fußballs breitet sich schon seit längerem eine Krisenstimmung aus: In Protesten, Streiks und Großdemonstrationen bringen die Brasilianer ihren Unmut zum Ausdruck. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die enormen Kosten für die Organisation dieses Sportevents. Verbreitet ist auch die Angst, dass sich die wirtschaftliche Situation im Land nach vielen Jahren des Aufschwungs wieder verschlechtern könnte. Welche wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bestimmen die Situation im Land des WM-Gastgebers wenige Tage vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels?

Brasiliens Wirtschaft: Moderates Wachstum statt Wirtschaftswunder

Wirtschaftskraft Brasiliens 2013 im VergleichBild vergrößern

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 2 243 Milliarden US-Dollar im Jahr 2013 ist Brasilien laut Internationalem Währungsfonds (IWF) die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Bezogen auf die Bevölkerung des Landes (rund 200 Millionen Menschen) relativiert sich das Bild: Pro Kopf wurden 2013 etwa 11 300 US-Dollar erwirtschaftet. Somit erreichte Brasilien unter den 193 UN-Staaten Rang 62. Die südamerikanischen Staaten Argentinien und Chile hatten mit 11 800 US-Dollar beziehungsweise 15 800 US-Dollar BIP pro Kopf eine höhere Wirtschaftskraft als die Brasilianer.

Brasilien zählt neben der Russischen Föderation, Indien, China und Südafrika zu den BRICS-Staaten – einer Gruppe von aufstrebenden Schwellenländern, die zusammen rund 40 % der Weltbevölkerung ausmachen und mehr als 20 % der weltweiten Wirtschaftsleistung erzielen. Diese Staaten zeichnen sich insbesondere durch ein vergleichsweise hohes Wirtschafts­wachstum aus. So erzielte Brasilien zwischen 2004 und 2008 laut IWF ein jährliches Wirtschafts­wachstum zwischen 3 % und 6 %, blieb damit aber deutlich hinter den Steigerungsraten von China und der Russischen Föderation zurück. Ein Jahr nach dem Einbruch der Weltwirtschaft im Jahr 2009 konnte Brasilien wieder einen Aufschwung verzeichnen (2010: +7,5 %). Seitdem lagen die Steigerungs­raten allerdings unter 3 %.

Deindustrialisierung der brasilianischen Wirtschaft

Wirtschaftsstruktur BrasiliensBild vergrößern

Trotz des anhaltenden Wachstums gibt es wirtschaftliche Heraus­forderungen: So ist der Anteil der Industrie (inklusive Bau) an der Bruttowert­schöpfung für ein Schwellenland wie Brasilien gering und zudem rückläufig: Betrug der Anteil am BIP nach Angaben der Weltbank 1985 noch 45,3 %, waren es 2012 nur noch 26,3 %. Stütze der brasilianischen Wirtschaft ist der Dienstleistungs­sektor mit einem Anteil von 68,5 % an der Bruttowert­schöpfung; auf die Landwirtschaft entfallen aktuell 5,2 %. In Deutschland hat das Produzierende Gewerbe (mit Baugewerbe) eine weitaus größere Bedeutung (Anteil von 30,5 %), ebenso in den anderen wichtigen Schwellen­ländern wie beispielsweise China (45,3 %) oder in Chile (35,5 %).

Im Vergleich zu anderen Schwellenländern ist auch die Bruttoinvestitions­quote Brasiliens gering. Im Jahr 2013 betrugen die Brutto­investitionen laut IWF 18 % des BIP und lagen somit auf ähnlichem Niveau wie in den Vereinigten Staaten (20 %) oder Deutschland (17 %). Unter den BRICS-Staaten lagen die Quoten in der Regel deutlich höher – in der Russischen Föderation bei 24 %, in Indien bei 35 % und in China bei 48 %.

Internationaler Handel: Wichtiger Rohstoffexporteur

Absatzmarkt Brasilien: Größte ImporteureBild vergrößern

Brasiliens Schwäche im Industrie­bereich sowie der Reichtum an Bodenschätzen führen dazu, dass der brasilianische Export stark vom Handel mit Rohstoffen geprägt ist. Zu den wichtigsten Ausfuhrgütern gehörten 2013 Eisenerze, Ölsaaten (Soja), Roh- bzw. Erdöl und Zucker. UN Comtrade zufolge machten diese vier Güter ein Drittel der gesamten Warenausfuhr aus. Größter Abnehmer brasilianischer Waren ist die Europäische Union, in die 2013 rund ein Fünftel aller Warenexporte ging. Gegenüber 2003 hat die EU an Bedeutung verloren, ebenso wie die Vereinigten Staaten, denn der Rohstoffhunger Chinas ist gewachsen. Gingen 2003 nur 6 % aller brasilianischen Exporte ins Reich der Mitte, verdreifachte sich dieser Anteil bis 2013 auf 19 %.

Um die Nachfrage auf dem brasilianischen Binnenmarkt zu decken, müssen im Gegenzug viele verarbeitete Waren und Industrie­produkte eingeführt werden. Maschinenbau­erzeugnisse und Fahrzeuge, Brennstoffe sowie chemische Erzeugnisse waren dabei die wichtigsten Importgüter. Die meisten Importwaren, rund ein Fünftel, bezog Brasilien 2013 – wie in den Vorjahren auch – aus der EU. China konnte seine Marktmacht in den vergangenen Jahren allerdings deutlich ausbauen und ist mittlerweile zweitwichtigstes Bezugsland vor den Vereinigten Staaten. Während zu den wichtigsten Einfuhrwaren aus der EU Autoteile und Arzneimittel gehörten, stammen aus China viele Konsumgüter wie Handys, Unterhaltungs­elektronik sowie Foto- und Videokameras.

Öffentliche Finanzen und Geldwert deutlich stabiler

Wichtige Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufschwung Brasiliens in den vergangenen Jahren waren die Konsolidierung der Staatsfinanzen sowie die deutliche Senkung der Inflation. Anfang der 1990er Jahre war Brasiliens Wirtschaft von Hyperinflation geprägt. Die Inflationsrate lag 1994 bei über 2 000 %. Auch wenn die Inflation weiterhin über den Zielvorgaben der brasilianischen Zentralbank liegt, so ist sie dem IWF zufolge seit 2004 stets unter 7 % geblieben. Mit einem Staatsdefizit von 3,3 % und einem Bruttoschuldenstand von 66,3 % des BIP waren die öffentlichen Finanzen des Landes im Jahr 2013 stabiler als in vielen Ländern der Eurozone.

Armut und große Einkommensunterschiede weiterhin ein Problem

Verteilung des Gesamteinkommens in den BRICS-Staaten 2009Bild vergrößern

2012 lag die Erwerbslosenquote Brasiliens bei 7 %, die Jugenderwerbslosigkeit bei 16 % und somit laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) auf ähnlichem Niveau wie im Nachbarland Argentinien. Trotz der im internationalen Vergleich relativ niedrigen Quoten ist Armut stark verbreitet. Der Anteil der armen Bevölkerung, der 2003 noch bei 21 % lag, ist zwar deutlich rückläufig, dennoch mussten 2009 laut Weltbank immer noch knapp 11 % der Bevölkerung (etwa 21 Millionen Menschen) mit einem täglichen Einkommen von weniger als zwei internationalen Dollar auskommen. Andere Staaten auf dem Kontinent waren bei der Bekämpfung der Armut erfolgreicher: So mussten in Argentinien und Chile nur 3 % der Bevölkerung mit einem Tageseinkommen von weniger als zwei internationalen Dollar auskommen.

Trotz Einkommensverbesserungen für den ärmsten Teil der Bevölkerung hat sich an der Ungleichverteilung der Einkommen in Brasilien kaum etwas geändert. Diese kann anhand des Gini-Koeffizienten gemessen werden. Bei einer vollkommen gleichmäßigen Verteilung der Einkommen liegt er bei 0. Konzentriert sich das gesamte Einkommen im Extremfall auf eine einzige Person, so erreicht der Gini-Indexwert 1. Laut Weltbank lag der Gini-Koeffizient 2009 in Brasilien bei 0,55 (2003: 0,59) und damit höher als in China (0,42), der Russischen Föderation (0,40) und in Indien (2010: 0,34). Deutschland wies laut OECD für 2010 einen Wert von 0,29 auf.

Forderung nach mehr staatlichen Investitionen in Gesundheit und Bildung

Im Mittelpunkt der jüngsten Proteste standen auch die verbreitete Korruption, stark gestiegene Preise und die Forderung, mehr staatliche Mittel in Gesundheit und Bildung und weniger in die bevorstehenden sportlichen Großereignisse – nach der Fußball-WM folgen 2016 die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro –zu investieren.

Mit einem Anteil von 8,9 % des BIP lagen die Ausgaben für Gesundheit in Brasilien 2011 auf gleichem Niveau wie in den EU-Staaten Finnland, Irland und Slowenien und nur leicht unter dem OECD-Durchschnitt von 9,3 %. Allerdings stammten nur 46 % der Ausgaben aus öffentlichen Mitteln. In den OECD-Staaten war der öffentlich finanzierte Anteil mit 72 % deutlich höher. Das schwach ausgeprägte Krankenversicherungssystem führt dazu, dass der Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen für die ärmeren Brasilianer deutlich erschwert ist. Auch die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit lagen in Brasilien mit 1 043 internationalen Dollar weit unter dem Niveau der meisten OECD-Industrieländer.

Nachholbedarf gibt es auch im Bildungsbereich: So sind die öffentlichen Ausgaben für Bildung in Brasilien laut OECD zwischen 2000 und 2010 von 3,5 % des BIP auf 5,8 % des BIP gestiegen. Das entsprach genau dem Durchschnitt der OECD-Staaten, ist aber für ein Land, in dem rund ein Viertel der Bevölkerung, also etwa 50 Millionen Kinder und Jugendliche, unter 15 Jahre alt ist, offensichtlich nicht ausreichend. Kaufkraftbereinigt lagen die Ausgaben pro Schüler oder Schülerin im Primarbereich entsprechend nur bei rund 35 % des OECD-Durchschnitts. Privatschulen sind in Brasilien sehr verbreitet. Besonders Angehörige der Mittel- und Oberschicht nehmen die Bildungsangebote solcher Schulen für ihre Kinder in Anspruch und zahlen Schulgeld. 2011 hatte eine Privatschulklasse des Primarbereichs im Schnitt 18 Schüler, an einer öffentlichen Schule waren es acht Kinder mehr (OECD-Durchschnitt: je 21 Schüler in beiden Schularten). Dieser Unterschied setzt sich auch im Sekundarbereich I fort mit einem Verhältnis von 25 zu 29 Schülern je Klasse.


Autoren: Daniel O'Donnell - Statistisches Bundesamt
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