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Preise

Statistik und Wahrnehmung

Destatis, 02. Oktober 2007

Die amtlich berechnete Teuerungsrate ist ein Mittelwert

Der amtliche Verbraucherpreisindex für Deutschland gibt an, wie sich das allgemeine Preisniveau im Zeitverlauf verändert. Er basiert auf monatlich rund 350 000 Preisnotierungen von Preisermittlern. Für die Preiserhebung werden zunächst Gemeinden, dann Geschäfte und innerhalb der Geschäfte schließlich die absatzstärksten Produktvarianten ausgewählt. Durch eine sorgfältige Stichprobenauswahl ist gewährleistet, dass die deutsche Konsumlandschaft realistisch abgebildet ist.

Für rund 750 wichtige Güterarten, die von privaten Haushalten in Deutschland gekauft werden, wird auf diese Weise Monat für Monat die Preisentwicklung beobachtet und daraus ein Durchschnittswert berechnet, der die allgemeine Teuerung angibt.

Die Wahrnehmung orientiert sich nicht an Durchschnittswerten

Die von den Preissteigerungen betroffenen Konsumenten rechnen jedoch häufig anders. Nicht nur, dass die Ausgabenverteilung bei jedem Haushalt anders aussieht. Für den einzelnen Verbraucher kommt es auch darauf an, wie stark er bei seinem täglichen Einkauf von der Inflation betroffen ist. Die "wahrgenommene Teuerungsrate" berechnet der Haushalt in der Regel nicht im Rahmen einer umfassenden Bilanz am Ende des Monats. Er bekommt sie vor Ort beim Einkauf zu spüren. Sind zum Beispiel die Brötchen teurer geworden, dann werden die Konsumenten deshalb nicht aufs Frühstück verzichten und sich lieber einen zweiten Fernseher anschaffen – auch wenn die Fernsehgeräte im Preis gefallen sind.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen in ihrer Wahrnehmung Verluste stärker gewichten als Gewinne. Wollte man also so etwas wie die "wahrgenommene" Teuerung messen, so dürfte man Kaufkraftverluste durch Preiserhöhungen nicht direkt mit Kaufkraftgewinnen wegen Preissenkungen an anderer Stelle verrechnen.

Hinzu kommt die Häufigkeit, mit der die Dinge gekauft werden. Preisanstiege bei Gütern des täglichen Bedarfs bekommen die Konsumenten andauernd zu spüren, während die seltener gekauften Gebrauchsgüter nur im Zeitraum der Anschaffung in den Vordergrund treten. In der Wahrnehmung wird die Preissteigerung bei Verbrauchsgütern nicht einfach durch eine moderate Teuerung bei Gebrauchsgütern ausgeglichen.

Die "wahrgenommene Teuerung" dürfte für viele Menschen höher liegen als die von der amtlichen Statistik berechnete Teuerungsrate. Der Hauptgrund ist wohl darin zu sehen, dass die amtliche Statistik mit der Berechnung der Teuerungsrate ein Konzept verfolgt, das auf die Berechnung eines allgemeinen Durchschnittswertes abzielt. Stärkere Preiserhöhungen an einer Stelle werden dabei durch moderate Preisentwicklungen an anderer Stelle ausgeglichen. Dieser Durchschnittswert entspricht nicht dem, was einzelne Konsumenten subjektiv wahrnehmen. Er soll es auch gar nicht.

Die amtliche Teuerungsrate erfüllt wichtige Funktionen

Die Teuerungsrate der amtlichen Statistik ist eine allgemein anerkannte Zahl. Sie bezieht sich eben nicht auf Einzelfälle, sondern auf einen objektiv nachvollziehbaren Durchschnittswert. Dieses Konzept hat sich für viele Zwecke bewährt. Der wichtigste Nutzer der Teuerungsrate ist die Europäische Zentralbank, die ihre Geldpolitik an den jeweiligen Verbraucherpreisindizes der Euro-Länder ausrichtet.

Die Preisindizes der amtlichen Statistik werden außerdem sehr häufig als Richtwert für so genannte Wertsicherungsklauseln in Verträgen verwendet. Zum Beispiel ist in Mietverträgen oft festgelegt, dass die Mietzahlung sich an der Entwicklung des Verbraucherpreisindex orientieren soll. Aber auch in anderen Verträgen, wie zum Beispiel bei der Vereinbarung von Unterhaltszahlungen nach einer Ehescheidung, kommen solche Festlegungen vor. Bei der Verwendung von Wertsicherungsklauseln ist es sehr wichtig, dass sich die Vertragsparteien auf einen allgemein anerkannten Maßstab für die Teuerung stützen können. Der Verbraucherpreisindex ist als repräsentativer Durchschnittswert deshalb für solche Vereinbarungen gut geeignet.

Wichtige Nutzer der Verbraucherpreisstatistik sind auch die Tarifparteien, die sich bei den Lohnverhandlungen unter anderem an der allgemeinen Preisentwicklung orientieren.

Die Ergebnisse der Verbraucherpreisstatistik werden schließlich auch als Input für eine Reihe weiterer Statistiken im Statistischen Bundesamt verwendet. Zum Beispiel für die Berechnung der Veränderungsrate des realen Bruttoinlandsproduktes – also des Wirtschaftswachstums.

Projekt zur Messung der "wahrgenommenen Inflation"

Das Statistische Bundesamt hat Wissen und Zeit seiner Preisstatistikexperten in ein Projekt über die wahrgenommene Inflation investiert, um besser zu verstehen, wieso es zu Unterschieden zwischen subjektiver Inflationswahrnehmung und amtlich ermittelter Teuerung kommen kann. Der von Professor Brachinger von der Universität Freiburg, Schweiz, entwickelte und in Kooperation mit dem Statistischen Bundesamt berechnete "Index der wahrgenommenen Inflation (IWI)" wurde im September 2005 erstmals vorgestellt.


Autor: Doktor Stefan Linz - Statistisches Bundesamt

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