Pflegebedürftige heute und in Zukunft
Destatis, 07. November 2008
Pflegebedürftig möchte niemand werden und doch trifft es immer mehr Menschen. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, wegen körperlicher, geistiger oder seelischer Beeinträchtigungen auf Hilfe im normalen Tagesablauf angewiesen zu sein. Der demografische Wandel mit der zunehmenden Zahl älterer Menschen stellt wachsende Anforderungen an das Gesundheitswesen und die sozialen Sicherungssysteme, nicht zuletzt an die Pflegeversicherung.
Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Entwicklung der Pflegebedürftigkeit. Es wurden zwei Szenarien erstellt: Das eine Szenario geht von konstanten, das zweite von sinkenden Pflegequoten aus.
Gut zwei Millionen Pflegebedürftige in Deutschland
Im Dezember 2005 waren nach den Ergebnissen der zweijährlich durchgeführten "Pflegestatistik" 2,13 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes; 68% waren Frauen. Die Mehrheit (82%) der Betroffenen war 65 Jahre und älter; ein Drittel (33%) 85 Jahre und älter. Mit zunehmendem Alter steigt die Pflegequote. Während bei den 70- bis unter 75-Jährigen „nur“ jeder Zwanzigste (5%) pflegebedürftig war, lag der Anteil der Pflegebedürftigen ab 90 Jahren an allen Menschen dieser Altersgruppe bei 60%.
Mehr als zwei Drittel (68% oder 1,45 Millionen) der Pflegebedürftigen wurden im Dezember 2005 zu Hause versorgt. Davon erhielten 980 000 Personen ausschließlich Pflegegeld, das bedeutet, sie wurden in der Regel zu Hause allein durch Angehörige gepflegt. Weitere 472 000 Pflegebedürftige lebten ebenfalls in Privathaushalten. Um sie kümmerten sich jedoch zum Teil oder vollständig ambulante Pflegedienste. 677 000 Pflegebedürftige (32%) wurden in Pflegeheimen betreut.
Seit Durchführung der Statistik war auf Bundesebene durchgängig eine Zunahme bei der Zahl der Pflegebedürftigen zu beobachten: Sie betrug im Jahr 1999 2,02 Millionen und stieg auf 2,13 Millionen im Jahr 2005 an. Der Anstieg von 1999 bis ins Jahr 2005 betrug somit rund 6% bzw. 112 000 Personen. Der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung insgesamt hat dabei leicht von 2,5 auf 2,6% zugenommen. 1999 waren 3,6% der Bevölkerung 80 Jahre und älter. Im Jahr 2005 waren es dann 4,5%.
Im Zeitvergleich zeigt sich zudem ein Trend hin zur professionellen Pflege in Pflegeheimen und durch ambulante Pflegedienste: So ist gegenüber 1999 die Zahl der in Heimen betreuten Pflegebedürftigen um rund 18% (+ 103 000) und die Zahl der durch ambulante Dienste Versorgten um 14% (+ 56 000) gestiegen, während die Pflege durch Angehörige bzw. die Zahl der reinen Pflegegeldempfänger/-innen um 5% ( 47 000) abnahm. Durch diese Entwicklung sank auch der Anteil der zu Hause Versorgten von 72% im Jahr 1999 über 69% (2003) auf 68% im Jahr 2005.
2030: 3,4 Millionen Pflegebedürftige (Status-Quo-Szenario)
Um die künftigen Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Pflegebedürftigen abschätzen zu können, haben die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder Modellrechnungen entwickelt. In der Basisvariante der Modellrechnung ist unterstellt, dass die altersspezifischen Pflegequoten künftig identisch mit denen von heute sind (Status-Quo-Szenario). Entsprechend wird hier u. a. von möglichem medizinisch-technischem Fortschritt in diesem Bereich abstrahiert.
Danach dürfte die Zahl von 2,13 Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2005 auf 2,40 Millionen im Jahr 2010 steigen. Im Jahr 2020 sind 2,91 Millionen und im Jahr 2030 etwa 3,36 Millionen Pflegebedürftige zu erwarten. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird zwischen den Jahren 2005 und 2020 um mehr als ein Drittel (37%) ansteigen; von 2005 bis 2030 um 58%. Die Zunahme fällt dabei bis zum Jahr 2030 bei den Männern mit 74% höher als bei den Frauen (50%) aus. Gleichzeitig wird der Anteil der Pflegebedürftigen an der Gesamtbevölkerung zunehmen: Der Anteil beträgt heute 2,6% und wird bis 2020 auf 3,6% und bis zum Jahr 2030 auf 4,4% ansteigen.
Deutliche Verschiebungen sind bei den Altersstrukturen feststellbar: Während im Jahr 2005 rund 33% der Pflegebedürftigen 85 Jahre und älter waren, beträgt dieser Anteil im Jahr 2020 rund 41% und 2030 rund 48%. Hingegen verliert die Gruppe der unter 60-Jährigen an Bedeutung: Deren Anteil an den Pflegebedürftigen nimmt von 14% im Jahr 2005 auf 10% im Jahr 2020 und gut 7% im Jahr 2030 ab.
Geringeres Pflegerisiko durch medizinisch-technischen Fortschritt (Szenario „sinkende Pflegequoten“)
In einem zweiten, eher optimistischen Szenario wird davon ausgegangen, dass durch den medizinisch-technischen Fortschritt auch das Pflegerisiko in den Altersgruppen abnimmt. Als Orientierungsgröße gilt dabei die erwartete Zunahme der Lebenserwartung im jeweiligen Alter – das Pflegerisiko verschiebt sich daher in ein höheres Alter entsprechend der steigenden Lebenserwartung.
Das Szenario „sinkende Pflegequoten“ führt zu einem Dämpfungseffekt – allerdings steigt auch bei diesem Szenario die Zahl der Pflegebedürftigen. Demnach werden für das Jahr 2020 etwa 2,68 Millionen Pflegebedürftige und für 2030 ca. 2,95 Millionen erwartet. Der Anstieg beträgt somit 26% bis 2020 und 39% bis 2030.
Der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung liegt entsprechend mit 3,4% im Jahr 2020 und 3,8% im Jahr 2030 etwas niedriger als im ersten Szenario. Der Anteil der 85-jährigen und älteren Pflegebedürftigen an den Pflegebedürftigen insgesamt ist hingegen etwas höher als in dem Status-Quo-Szenario (2020: 42%, 2030: 51%).
Ergänzende Hinweise zu den Modellrechungen
Die modellmäßig berechneten Ergebnisse sind keine Prognosen, sondern zeigen lediglich, welche Folgen sich insbesondere durch die demografische Entwicklung für die Zahl an Pflegebedürftigen ergeben würden. Grundlage dieser Modellrechnungen sind aus der gegenwärtigen Situation und den bestehenden institutionellen Rahmenbedingungen abgeleitete einfache Annahmen zur Pflegebedürftigkeit sowie die Ergebnisse der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung nach der Variante zur Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung.
Weitere Ergebnisse – bis zum Jahr 2020 auch nach Bundesländern – können der Veröffentlichung Demografischer Wandel in Deutschland, Heft 2: Auswirkungen auf Krankenhausbehandlungen und Pflegebedürftige im Bund und in den Ländern der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder entnommen werden. Ergebnisse der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung sind ebenfalls im Internetangebot von Destatis verfügbar.
Die Ergebnisse wurden auch im Rahmen der Statistischen Woche in Köln am 17.09.2008 im Workshop: „Sterblichkeit, Gesundheit und Pflege in Deutschland“ des Arbeitskreises „Medizinische Demographie“ der Deutschen Gesellschaft für Demographie und des Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels vorgestellt.
Autor:
Heiko Pfaff - Statistisches Bundesamt
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