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Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

"Made in the world" - Internationale Handelsströme neu vermessen

Destatis, 28. März 2013

Wer sind die wichtigsten internationalen Handelspartner einzelner Länder? Diese Frage wird üblicherweise anhand der grenzüberschreitenden Handelsströme beantwortet. Einen alternativen Blick auf die internationale Arbeitsteilung erlaubt die Betrachtung globaler Wertschöpfungsketten (global value added chains), wie sie von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf der Basis von Input-Output-Tabellen vorgenommen wurde. Ein wichtiges Ergebnis der OECD ist, dass einige Schwellenländer für den internationalen Handel eine größere Bedeutung haben, als es die nach dem traditionellen Konzept erhobenen Außenhandelsdaten nahe legen. Auch relativieren die neuen Schätzungen der OECD die verbreitete Wahrnehmung einiger Länder – beispielsweise Chinas – als übermächtige Handelspartner.

Viele Industriegüter sind "Made in the world"

Ausgangspunkt des gemeinsamen Projekts der OECD und der Welthandelsorganisation (WTO) war die von Wirtschaftswissenschaftlern schon seit einigen Jahren untersuchte Frage: Wie viel eigene, nationale Wertschöpfung enthalten die Exporte verschiedener Länder, welchen Nutzen ziehen sie also aus ihren Exporten?

Inwieweit Exporte zu Einkommen und Beschäftigung eines Landes beitragen, hängt maßgeblich davon ab, in welchem Umfang Vorleistungsgüter für die Produktion von Exportprodukten importiert werden. Typisch für die heutige globalisierte Wirtschaft sind insbesondere bei High-Tech-Produkten oft länderübergreifend stark fragmentierte Produktionsstrukturen und Wertschöpfungsketten: So enthalten beispielsweise IT-Güter oft Komponenten aus einer Vielzahl von Ländern, sie sind dann faktisch "Made in the world". Bisweilen steuert das Land, in dem die (End-)Fertigung stattfindet, nur wenig eigene Wertschöpfung bei. Ein oft zitiertes Beispiel hierfür sind die bekannten Produkte "iPad" und "iPhone": Diese werden in China (end)gefertigt, wobei die verwendeten Komponenten aus einer Vielzahl von Ländern stammen, u. a. aus asiatischen Nachbarländern, den USA und Deutschland, und nur zu einem geringen Teil aus chinesischer Produktion. Verglichen mit dem nach traditionellem Konzept erhobenen chinesischen Export dieser High-Tech-Produkte ist der chinesische "Wertschöpfungsexport" bei den genannten IT-Produkten also deutlich niedriger.

Der Wertschöpfungsansatz der OECD versucht, alle Waren und Dienstleistungen, die in einem Land in den Endverbrauch (Konsum, Investitionen) eingehen, auf die an der Produktion beteiligten Länder (und Wirtschaftszweige) entsprechend der von diesen hinzugefügten Wertschöpfung aufzuteilen.

In der traditionellen Außenhandelsstatistik werden hingegen alle Exportgüter jeweils beim Grenzübertritt mit ihrem gesamten Wert dem Ausfuhrland zugerechnet, einschließlich des darin enthaltenen Werts der importierten Vorleistungen. Die OECD spricht hier von "Bruttoexporten" und analog von "Bruttoimporten".

Wertschöpfungsansatz macht internationale Handelsbeziehungen transparenter

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Vergleicht man die Struktur der deutschen Exporte nach beiden Messkonzepten (Brutto-Handelsströme versus Wertschöpfungskonzept), so kommt es zu einigen Verschiebungen bei den Handelsanteilen der Partnerländer. Betrachtet man statt der klassisch abgegrenzten Exporte die Wertschöpfungsexporte, so gewinnen die USA und China als Handelspartner Deutschlands an Bedeutung. 8 % der gesamten deutschen Bruttoexporte waren im Jahr 2009 für die USA bestimmt, doch 11 % der deutschen Wertschöpfungsexporte, womit die USA wichtigstes Bestimmungsland in Wertschöpfungsbetrachtung waren. Hingegen sind die Niederlande als Bestimmungsland für die deutschen Bruttoexporte wichtiger als für den Export deutscher Wertschöpfung, da dieses Partnerland ein bedeutsamer Zwischenhändler ist.

Ein wichtiges Ergebnis der Untersuchungen der OECD ist die Veränderung der bilateralen Handelsbilanzen (Saldo aus Exporten und Importen) bei Anwendung der beiden Konzepte. Zum Beispiel halbierte sich der deutsche Handelsbilanzüberschuss gegenüber Österreich beim Übergang von der Brutto- zur Wertschöpfungsbetrachtung. Die Produktionsverflechtungen zwischen Deutschland und einigen Ländern Mittel- und Osteuropas sind eng, und durch den intensiven Handel mit Vorprodukten kommt es hier teilweise zu starken Abweichungen zwischen klassischen und wertschöpfungsbasierten Handelsbilanzen. So hatte Deutschland in klassischer Abgrenzung im Jahr 2009 ein Handelsdefizit gegenüber der Tschechischen Republik, erzielte in Wertschöpfungsbetrachtung hingegen einen Überschuss. Für einige wichtige Handelspartner Deutschlands, etwa Frankreich und Italien, ergeben sich hingegen keine großen Veränderungen zwischen der Bruttorechnung und derjenigen auf Basis der Wertschöpfung.

Für die internationalen Wirtschaftsbeziehungen ist es ein bedeutsames Ergebnis, dass nach Schätzung der OECD der Überschuss Chinas im wertschöpfungsbasierten Außenhandel mit den USA 2009 um 40 Mrd. US-$ beziehungsweise 25 % gegenüber der Bruttobetrachtung des Außenhandels verringerte, denn die chinesischen Exporte beinhalten in hohem Umfang Komponenten aus asiatischen Nachbarländern. Entsprechend erhöhen sich beim Wechsel von der Bruttobetrachtung zum Wertschöpfungskonzept die Handelsüberschüsse Japans und Koreas mit den USA, da diese zwei Länder Vorprodukte für chinesische Exportgüter liefern, die für die Endverwendung in den USA bestimmt sind.

Die wertschöpfungsorientierte Betrachtung des Außenhandels kann die traditionelle Sichtweise nur ergänzen, aber nicht ersetzen. Durch den in üblicher Weise gemessenen Außenhandel mit Waren und Dienstleistungen ergeben sich schließlich für die einzelnen Länder finanzielle Ansprüche beziehungsweise Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland.

Die Bedeutung importierter Vorleistungen für die Exporte eines Landes

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Die Frage, wie hoch der Anteil importierter Vorleistungen an den gesamten Waren- und Dienstleistungsexporten (aus inländischer Produktion) eines Landes ist, konnte auch bisher schon von nationalen Statistikämtern mit Hilfe der Input-Output-Rechnung für das eigene Land beantwortet werden. Solche Berechnungen für Deutschland (auf der Basis des Außenhandels mit Waren) wurden bereits vor einigen Jahren vom Statistischen Bundesamt durchgeführt, was seinerzeit auch ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über die sogenannte Basarökonomie war (siehe Wirtschaft und Statistik 5/2007: Konjunkturmotor Export).

Eine umfassende Differenzierung der internationalen Handelsströme nach Ländern setzt jedoch auch eine weltweit umfassende Datenbasis voraus, wie sie jetzt von der OECD/ WTO angewandt wurde. Diese enthält Schätzungen für den Anteil der importierten Vorleistungen an den Exporten (aus inländischer Produktion) von 40 Ländern. Nach den Ergebnissen der OECD schwankten diese beträchtlich: Große Volkswirtschaften sind bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen für den Export im Allgemeinen weniger auf den Import von Vorleistungen angewiesen als kleine. Der Anteil der ausländischen Wertschöpfung an den Bruttoexporten (aus inländischer Produktion) lag in Russland und Brasilien bei weniger als 10 %, in Irland und der Tschechischen Republik hingegen jeweils bei rund 40 %.

Für Deutschland schätzt die OECD, dass die deutschen (Brutto-)Exporte (aus inländischer Produktion) im Jahr 2009 insgesamt ein Viertel (25,4 %) ausländische Wertschöpfung enthielten. Dies entspricht dem Wert der ausländischen Vorprodukte, die in Exportgüter aus deutscher Produktion eingehen. Die OECD hat diesen "Importanteil der Exporte" auch auf zusammengefasste Wirtschaftszweige heruntergebrochen. Nach den Berechnungen der OECD belief sich der ausländische Wertschöpfungsanteil beispielsweise an den Exporten des deutschen Fahrzeugbaus im Jahr 2009 auf 35 % und war auch in der chemischen Industrie überdurchschnittlich hoch. Die deutsche Industrie steht hier am Ende der Wertschöpfungskette und produziert für den Weltmarkt überwiegend hochwertige Endprodukte.

Die Ergebnisse der OECD verdeutlichen außerdem, dass die Bedeutung der Dienstleistungen für den Welthandel mit Waren und Dienstleistungen unterschätzt wird, wenn man sich an den traditionell ermittelten internationalen Außenhandelsdaten orientiert, die nur die "reinen" Dienstleistungsexporte erfassen. Hingegen berücksichtigt die Wertschöpfungsbetrachtung auch den Wertschöpfungsbeitrag der Dienstleistungen bei der Produktion von Industriegütern. Bisher wurde der Dienstleistungsanteil am Welthandel auf weniger als ein Viertel veranschlagt, nach den neuen OECD-Daten lag dieser in den wichtigen OECD-Ländern jedoch durchweg höher.  So beinhalteten die deutschen Bruttoexporte laut OECD im Jahr 2009 einen Beitrag der Dienstleistungen von rund 50 %, in den USA und Frankreich lag der entsprechende Anteil bei rund 55 %.


Autor: Andreas Kuhn - Statistisches Bundesamt

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