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Einkommen, Konsum, Lebensbedingungen


Überschuldung - letzter Ausweg die Privatinsolvenz

Destatis, 15. Januar 2008

Datenlage zur Überschuldung von Privatpersonen verbessert

Größere Ansicht des Diagramms 'Verbraucherinsolvenzen'Bild vergrößernVerbraucherinsolvenzen

Exakte Angaben, wie viele Haushalte überschuldet sind, gibt es nicht. Je nach Definition, aber auch nach Interessenlage, schwanken die Expertisen zur Zahl der absoluten oder relativ überschuldeten Haushalte zwischen knapp unter drei Millionen bis weit über drei Millionen.

Verlässliche Daten zur absoluten Überschuldung von Privatpersonen, nicht Haushalten, liefern die Gerichte. Bei diesen Personen sind die Zahlungsrückstände so gravierend, dass als letzter Ausweg nur die Privatinsolvenz bleibt. Seit Einführung der neuen Insolvenzordnung im Jahr 1999 nutzten fast 400 000 Privatpersonen ein Verbraucherinsolvenzverfahren, um nach einer Wohlverhaltensphase von ihren restlichen Schulden befreit zu werden. Die Zahlungsunfähigkeit von weiteren 300 000 Personen, die ebenfalls als absolut überschuldet gelten, ist auf das Scheitern einer selbstständigen Tätigkeit zurückzuführen. Diese Personen haben die gleiche Möglichkeit, ihre Schulden gerichtlich regulieren zu lassen wie die Verbraucher. Die Gesamtzahl dieser Privatinsolvenzen hat von Jahr zu Jahr erheblich zugenommen, und immer neue Fälle kommen hinzu. Dabei muss der Auslöser nicht in der Gegenwart liegen, sondern kann viele Jahre zurück liegen. Viele Personen erfahren erst jetzt von der Möglichkeit der gerichtlichen Schuldenregulierung oder werden vor allem durch die Schuldnerberatungsstellen auf diese Option aufmerksam gemacht.

Die gerichtlichen Akten informieren zwar vollständig über die Zahl der Privatinsolvenzen, nicht jedoch über die Gesamtzahl aller überschuldeten Personen. Sie enthalten auch keine Informationen zum Personenkreis und zu den Umständen, die zur Überschuldung geführt haben. Um zumindest die sozioökonomischen Strukturen der überschuldeten Personen herauszufinden sowie die Ursachen und Hauptgläubiger statistisch zu belegen, wurden erstmals zum Jahresende 2006 Schuldnerberatungsstellen nach ihrer Klientel befragt. Mit dieser freiwilligen Erhebung konnte ein wesentlicher Beitrag zur Darstellung der Schuldensituation von Privatpersonen geleistet werden.

Schuldnerberatungsstellen: Anlaufstellen für Ratsuchende in finanziellen Schwierigkeiten

Schuldnerberatungsstellen haben die Aufgabe, Menschen, die in soziale wirtschaftliche oder existenzielle Not geraten sind oder zu geraten drohen, eine angemessene Hilfestellung zu leisten. Diese zielt auf eine Sanierung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Betroffenen ab und soll sie in die Lage versetzen, ihr Leben künftig eigenständig zu gestalten. Aber auch Präventionsmaßnahmen zu erörtern, gehört zum Beratungsangebot. Durch ihre Tätigkeit verfügen die Beratungsstellen über einen großen Datenpool zur Überschuldungssituation, der sich auch für statistische Zwecke nutzen lässt. Von 124 der knapp 1 000 Beratungsstellen, die unter der Trägerschaft der Verbraucher- und Wohlfahrtsverbände sowie Kommunen stehen, waren für das Jahr 2006 die Daten von 33 000 Personen übermittelt worden. Allerdings müssen diese Personen nicht zwangsläufig überschuldet sein, manchmal ist auch nur eine vorübergehende Zahlungsstörung eingetreten, oder die Folgen einer Zahlungsunwilligkeit sind auszuräumen. Für die Teilnahme an der Erhebung ab 2008 haben knapp 300 Beratungsstellen ihre Teilnahme signalisiert, sodass die Datenbasis sich auf 80 000 Personen erhöhen dürfte.

Änderung der Lebensumstände sind Hauptauslöser der Überschuldung

Größere Ansicht des Diagramms 'Ausgewählte Hauptgründe für die Überschuldung'Bild vergrößernAusgewählte Hauptgründe für die Überschuldung

Menschen die – verschuldet oder unverschuldet – in finanzielle Not geraten sind, verlieren häufig ihren sozialen Status, und nicht selten kommt es zur gesellschaftlichen Ausgrenzung. Denn Arbeitslosigkeit und unerwartete gravierende Änderungen der Lebensumstände stellen für sich genommen schon eine schwere Belastung dar auch ohne die damit verbundenen finanziellen Folgen. Arbeitslosigkeit wurde für 30% der beratenen Personen als Grund für ihre finanziellen Schwierigkeiten genannt. Bei mehr als einem Fünftel waren kritische Lebensereignisse wie Scheidung, Trennung, Tod eines Partners oder Krankheit und Unfall Auslöser der Misere. Selbstverschuldete Zahlungsschwierigkeiten, beispielsweise wegen unwirtschaftlicher Haushaltsführung, gescheiterter Immobilienfinanzierung oder unerlaubter Handlungen waren bei 13% der beratenen Personen ausschlaggebend für die Inanspruchnahme des Dienstes einer Beratungsstelle. Bei 10% der beratenen Personen war der Grund für die Überschuldung im Scheitern der Selbstständigkeit zu suchen.

Gesamtschulden belaufen sich auf schätzungsweise 70 Milliarden Euro

Über 40% aller beratenen Personen haben nicht mehr als vier Gläubiger. Im Durchschnitt haben alle einbezogenen Personen Schulden in Höhe von 37 000 Euro. Dabei ist zu berücksichtigen, dass in dieser Summe auch die hypothekarisch gesicherten Kredite für die Immobilienfinanzierung und die Verbindlichkeiten aus früherer Selbstständigkeit enthalten sind. Diese Schulden sind überwiegend höher als andere Schuldenarten. Hat eine Person mit Immobilienbesitz Schulden, denen sie nicht mehr nachkommen kann, belaufen sich diese durchschnittlich auf 160 000 Euro. Personen, die aufgrund ihrer früheren Selbstständigkeit für Verbindlichkeiten aufkommen müssen, schulden ihren Gläubigern im Durchschnitt 96 000 Euro. Bei Ausschluss der Personen mit Hypothekenverbindlichkeiten und der ehemals Selbstständigen lässt sich eine Schuldenlast von durchschnittlich 22 000 Euro errechnen.

Geht man von der Annahme aus, dass überschuldete Haushalte, die keine Schuldnerberatungsstelle aufsuchen, ähnliche Schuldenstrukturen aufweisen, kann man das gesamte Schuldenvolumen der privaten Haushalte in Deutschland schätzen. Legt man die Expertise zugrunde, die mit knapp unter drei Millionen die niedrigste Zahl an überschuldeten Haushalten ermittelt hat, so würde sich – bei einer durchschnittlichen Schuldenlast von 22 000 Euro – das gesamte Schuldenvolumen überschuldeter Haushalte (ohne Selbstständige und Hypothekenschuldner) auf schätzungsweise 65 bis 70 Milliarden Euro belaufen. Erkenntnisse aus den finanziellen Ergebnissen der Insolvenzverfahren führen zu dem Schluss, dass der größte Teil dieser Forderungen uneinbringbar ist.

Auch bei den Personen, die weder Verpflichtungen aus Hypothekenverbindlichkeiten haben noch früher selbstständig waren, entfallen knapp die Hälfte aller Schulden auf Banken in Form von Raten- und Dispositionskrediten. Mit großem Abstand folgen die Schulden bei öffentlichen Gläubigern wie Finanzämtern sowie nicht geleistete Mietzahlungen, mit Anteilen von 6% beziehungsweise 4%. Personen, die ihren Verpflichtungen für in Anspruch genommene Ratenkredite nicht mehr nachkommen können, stehen bei ihren Banken im Durchschnitt mit 21 000 Euro im Soll. Hat eine Person Schulden bei einer anderen Privatperson, so belaufen sich diese auf über 10 000 Euro. Für nicht geleistete Unterhaltsverpflichtungen ergibt sich ein durchschnittlicher Rückstand von 6 000 Euro.

Größere Ansicht des Diagramms 'Durchschnittliche Schulden nach Altersklassen'Bild vergrößernDurchschnittliche Schulden nach Altersklassen

Je nach Alter und Lebensform gibt es unterschiedliche Schwerpunkte, was die Art und die Höhe der Schulden anbelangt. Aus den vielfältigen Erkenntnissen, die diese Statistik bietet, sind einige beispielhaft herausgegriffen: So sind die unter 20-jährigen Überschuldeten zwar mit der niedrigsten Summe an Ratenkrediten in Rückstand (13 000 Euro), aber sie weisen mit 1 900 Euro die höchsten nicht beglichenen Telefonrechnungen aller Altersklassen auf. Die 65- bis 70-jährigen Personen haben unter allen Altersklassen mit 3 900 Euro die höchsten Schulden bei Versandhäusern. Die höchsten Mietrückstände besitzen die 55- bis 65-Jährigen sowie die alleinerziehenden Frauen und Männer. Ihren Unterhaltsverpflichtungen nicht nachgekommen sind vor allem alleinlebende Männer, die im Durchschnitt mit über 6 000 Euro im Zahlungsverzug sind.

Eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse und Beschreibung dieser Statistik enthält Heft 10/2007 von "Wirtschaft und Statistik". Ausführliche Tabellen können auf Anfrage bereitgestellt werden.


Autor: Jürgen Angele - Statistisches Bundesamt
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