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Einkommen, Konsum, Lebensbedingungen

Überschuldung: mehr als ein gesellschaftliches Randphänomen

Destatis, 30. Juni 2014

Seit dem Jahr 2006 beantragen jährlich rund 100 000 Privatpersonen die Eröffnung eines Verbraucher­insolvenz­verfahrens, weil sie zahlungsunfähig geworden sind. Allein diese Zahl verdeutlicht, dass Überschuldung ein ernstzunehmendes Problem in unserer Gesellschaft ist. Hinzu kommen noch diejenigen Menschen, die in eine schwierige finanzielle Schieflage geraten sind, aber nicht den Weg zum Gericht antreten (müssen). Über die genaue Anzahl der Betroffenen gibt es jedoch keine zuverlässigen Zahlen. Welcher Personenkreis von Überschuldung besonders betroffen ist, bei welchen Gläubigern Schulden bestehen und welche Ursachen den finanziellen Schwierigkeiten zugrunde liegen, lässt sich hingegen klar eingrenzen.

Alleinlebende Männer besonders häufig überschuldet

Beratene Personen nach LebensformenBild vergrößern

Männer (50,8 %) und Frauen (49,2 %) sind etwa zu gleichen Teilen Klienten derSchuldner­beratungs­stellen. Dennoch bilden Überschuldete keine homogene Gruppe. So sind Singles, Alleinerziehende und Paare mit oder ohne Kinder nicht gleichermaßen von Überschuldung betroffen. Während Paare ohne Kinder verglichen mit ihrem Anteil in der Gesamt­bevölkerung (29 %) weit unterdurchschnittlich häufig zu den Klienten von Schuldner­beratungs­stellen (15 %) zählen, werden Mitarbeiter entsprechender Einrichtungen sehr häufig von alleinlebenden Männern kontaktiert. Letztere machen verglichen mit allen übrigen betrachteten Personengruppen den größten Teil der Beratenen (28 %) aus, bei einem Anteil von 18 % an der Gesamt­bevölkerung. Überproportional häufig sind schließlich auch alleinerziehende Frauen in Schuldner­beratungs­stellen anzutreffen.

Beratung nach AlterBild vergrößern

Betrachtet man die Überschuldeten nach dem Alter, so sind besonders häufig 25- bis 44-Jährige betroffen. Während diese Bevölkerungs­gruppe nur ein knappes Drittel der Gesamt­bevölkerung ausmacht, war die Hälfte der Klienten von Beratungsstellen in dieser Altersgruppe. Personen ab 65 Jahren nehmen die Dienste von Schuldner­beratungs­stellen hingegen kaum in Anspruch: Obwohl sie ein Viertel der Gesamt­bevölkerung stellen, sind nur 6 % der beratenen Verbraucher im Rentenalter. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Seniorinnen und Senioren generell eher selten von Überschuldung betroffen sind. Aber es könnte auch daran liegen, dass für viele Seniorinnen und Senioren die eigene Zahlungs­unfähigkeit ein Tabuthema ist und deshalb verschwiegen wird. Zudem sehen sich viele ältere Menschen aus gesundheitlichen Gründen unter Umständen nicht mehr in der Lage, die Beratungsstellen aktiv aufzusuchen.

Durchschnittliche Schuldenlast von rund 33 000 Euro

Im Durchschnitt stehen Menschen in finanziellen Schwierigkeiten mit rund 33 000 Euro bei ihren Gläubigern in der Schuld. Mit deutlichem Abstand bestehen die höchsten Verbindlichkeiten bei Kreditinstituten. Schuldner weisen bei dieser Gläubigergruppe Verbindlichkeiten von durchschnittlich 17 900 Euro auf. Erhebliche Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern gibt es bei den Forderungen von öffentlichen Gläubigern, zu denen beispielsweise auch die Finanzämter zählen. Diese Differenzen sind möglicherweise darauf zurückzuführen, dass Männer gegenüber Frauen häufiger einer selbstständigen Tätigkeit nachgehen. Ebenfalls wesentlich höhere Außenstände weisen Männer bezüglich Unterhalts­verpflichtungen auf. Bei weiblichen Schuldnern übersteigen hingegen die durchschnittlichen Forderungen der Versandhäuser die der Männer.

Tabelle: Häufigste Gläubigergruppe nach dem Geschlecht 2013

Verbindlichkeiten junger SchuldnerBild vergrößern

Bei jungen Schuldnern unter 25 Jahren sind die durchschnittlichen Verbindlichkeiten mit rund 7 450 Euro wesentlich geringer als bei den Schuldnern insgesamt. Auffällig ist, dass bei der genannten Altersgruppe die Forderungen der Kreditinstitute etwa genauso hoch sind wie die Schulden bei Telefon- und Internetanbietern. Die genannten Verbindlichkeiten bei Kreditinstituten machen im Durchschnitt 19 % der Gesamtschulden der unter 25-Jährigen aus. Die Forderungen der Telefon- und Internetanbieter liegen mit einem Anteil von 18 % nur geringfügig unter dem genannten Wert. Bei den Schuldnern insgesamt sind die Verbindlichkeiten bei Banken um ein Vielfaches höher als die Forderungen, die seitens der Telefon­gesellschaften bestehen.

In rund 90 % der Fälle weisen Schuldner nicht nur einen Gläubiger auf, sondern es bestehen Verbindlichkeiten bei mehreren Institutionen oder Personen. Mehr als jeder dritte Klient von Beratungsstellen hat offene Forderungen bei mindestens zehn Gläubigern. Sich in entsprechenden Fällen einen genauen Überblick über die Schuldensituation der von finanziellen Schwierigkeiten betroffenen Person zu verschaffen, stellt unter Umständen eine große Herausforderung für den Schuldnerberater dar.

Arbeitslosigkeit als Auslöser von Überschuldung wird mit zunehmendem Alter unwichtiger

Hauptauslöser von ÜberschuldungBild vergrößern

Überschuldung ist nicht zwangsläufig die Folge eines unangemessenen Konsumverhaltens. Bei Betrachtung der Hauptauslöser von Überschuldung wird deutlich, dass oft auch Schicksalsschläge hinter den Zahlungsschwierigkeiten stecken. Zu diesen Risiken zählen insbesondere Arbeitslosigkeit, Trennung, Scheidung und Tod des Partners, aber auch (Sucht-)Erkrankungen oder Unfälle.

Bei näherer Betrachtung einzelner Altersgruppen zeigt sich, dass je nach Alter unterschiedliche Schwerpunkte in Bezug auf den Auslöser der Überschuldung identifiziert werden können. Während bei jungen Menschen unter 25 Jahren überdurch­schnittlich häufig eine unwirtschaftliche Haushalts­führung als Grund für die finanzielle Schieflage ausgemacht werden kann, spielen bei Personen ab 45 Jahren gesundheitliche Schwierigkeiten, wie etwa Erkrankungen, eine größere Rolle. Während Arbeitslosigkeit nur bei etwa 8 % der mindestens 65-Jährigen als Hauptauslöser für eine finanzielle Schieflage ausgemacht werden kann, ist der Verlust des Arbeitsplatzes in den übrigen Altersklassen jeweils bei etwa jedem Vierten die entscheidende Ursache für die Überschuldungs­situation.

Auch die Bundes­regierung trägt der Tatsache Rechnung, dass finanzielle Schwierigkeiten nicht unbedingt auf übertriebenes Konsum­verhalten zurückzuführen sind. Der Bundestag hat deshalb zum 1. Juli 2014 die rechtlichen Voraussetzungen für die Erleichterung eines finanziellen Neustarts geschafften. So hat ein insolventer Verbraucher künftig unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, die jahrelange Bewährungsphase, die sich an das eigentliche Insolvenz­verfahren in Form der sogenannten Wohlverhaltensphase anschließt, zu verkürzen. Im Anschluss an die Wohlverhaltensphase, in der der Schuldner einen Teil seines Arbeits­einkommens an einen Treuhänder abführen muss, entscheidet das Gericht, ob der Schuldner von seinen restlichen Verbindlichkeiten befreit wird.

Autorin: Claudia Finke - Statistisches Bundesamt
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