Hauptstadtkommunikation Demografiegespräch "Anhaltender Geburtenrückgang? Deutschland im europäischen Vergleich"

Demografiegespräch am 29. April 2026

Am Mittwoch, dem 29. April 2026, haben das Statistische Bundesamt und das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gemeinsam das Berliner Demografiegespräch »Anhaltender Geburtenrückgang? Deutschland im europäischen Vergleich« veranstaltet. Im Hauptstadtbüro und online haben insgesamt rund 180 Gäste aus dem politischen Berlin über die Besonderheiten des aktuellen Geburtenrückgangs diskutiert. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Susana Garcia Diez (Statistisches Bundesamt).

Dritte Phase des Geburtenrückgangs seit der Wiedervereinigung

Olga Pötzsch zeigte zunächst, dass sich Deutschland seit 2021 in einer Phase des Geburtenrückgangs befindet – zum dritten Mal seit der Wiedervereinigung. Im Jahr 2025 sank die Zahl der Geburten nach vorläufigen Angaben auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit. Treiber der aktuellen Entwicklung ist der deutliche Rückgang der Geburtenrate. Zugleich nimmt mit den zahlenmäßig kleinen 1990er-Jahrgängen die Zahl der potenzieller Mütter ab. Pötzsch diskutierte anschließend die Fertilitätsannahmen der 16. Bevölkerungsvorausberechnung. Die Annahme einer steigenden Geburtenrate setze voraus, dass die Kinderwünsche über die Zeit stabil bleiben. Bessere Rahmenbedingungen und mehr Zuversicht könnten künftig höhere Geburtenraten ermöglichen. Die Annahme zur weiterhin niedrigen Geburtenrate beruhe auf der Hypothese, dass zum Fertilitätsrückgang nicht nur aktuelle Krisen, sondern auch ein abnehmender Kinderwunsch infolge eines langfristigen Wertewandels führen. "Die mittlere Annahme vereint die beiden Hypothesen. Die Geburtenrate würde demnach mittelfristig steigen, zugleich würde es aber mehr Ein-Kind-Familien und Frauen ohne Kind geben", so Pötzsch.

Geburtenrückgang in allen EU-Mitgliedstaaten

Der starke Geburtenrückgang ist kein allein deutsches Phänomen, zeigte anschließend Thomas Nice. In allen 27 EU-Mitgliedstaaten sank die Zahl der Geburten zwischen 2021 und 2024, insgesamt von 4,1 auf 3,6 Millionen pro Jahr. Selbst in Ländern mit traditionell hohen Geburtenziffern wie Frankreich und Schweden ging die Zahl der Kinder pro Frau zuletzt stark zurück. Zeitgleich stieg das durchschnittliche Alter bei der ersten Geburt überall in der EU – auch dort, wo Mütter schon im Schnitt spät im Leben Kinder bekommen, wie in Italien. Doch wie die Beispiele Frankreich und Polen zeigen, beschränkt sich der Rückgang der Geburtenziffern längst nicht nur auf jüngere Altersgruppen. Auch bei Frauen in ihren Dreißigern sank zuletzt die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau. "Wir sehen gemeinsame Trends beim Geburtenrückgang, aber große länderspezifische Unterschiede", erklärte Nice. Das betreffe zum Beispiel die Geburtenfolge, also ob Paare ihr erstes, zweites oder drittes Kind bekommen. Während in Deutschland die Geburten seit 2021 über alle Folgen hinweg relativ gleichmäßig zurückgingen, treffe der Rückgang in Frankreich deutlich stärker auf das zweite und dritte Kind als auf das erste zu.

Kinderwunsch und -realisierung gehen weiter auseinander

Prof. Dr. Martin Bujard, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), führt den aktuellen Geburtenrückgang auf multiple Krisen zurück, etwa in der Wirtschaft, durch die Pandemie, den Klimawandel und den Krieg in der Ukraine. Es werde derzeit intensiv diskutiert, "ob durch diese Krisen nicht nur die Geburten, sondern auch die Kinderwünsche zurückgehen. Das ist die große Frage: Wollen die jungen Menschen noch Kinder?", so Prof. Bujard. Anhand aktueller Daten des familiendemografischen Panels FReDA des BiB und des Generation and Gender Surveys (GGS) stellte er Analysen zum "Fertility Gap" vor. Dieser misst, inwiefern gewünschte und tatsächlich realisierte Kinderzahl auseinandergehen. In den Staaten der EU lag diese Lücke zuletzt zwischen 0,4 und 0,6 Kindern. Deutschland befindet sich im EU-Mittelfeld mit einer durchschnittlichen als ideal angesehenen Zahl von etwas über zwei Kindern pro Frau, der zwischen 2021 und 2025 trotz des Rückgangs der Fertilität stabil blieb, erklärte Prof. Bujard. Allerdings zeigten neue Daten aus dem Jahr 2025 eine leichte Verschiebung: Die intendierte Kinderzahl ging etwas zurück.

Bei Publikumsfragen und informellen Gesprächen beim anschließenden Imbiss diskutierten Teilnehmende und Vortragende weiter über Hintergründe und Muster des Geburtenrückgangs in Deutschland und der EU.

Programm

Im nachfolgenden Programm finden Sie die Präsentationsfolien verlinkt:

Aufzeichnung & Fotos

Die Aufzeichnung des Berliner Demografiegesprächs "Anhaltender Geburtenrückgang? Deutschland im europäischen Vergleich" steht auf dem Youtube-Kanal des Statistischen Bundesamtes zur Verfügung.

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(v.l.n.r.) Olga Pötzsch (Statistisches Bundesamt), Thomas Nice (Statistisches Bundesamt) und Prof. Dr. Martin Bujard (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung)

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Olga Pötzsch (Statistisches Bundesamt) bei ihrem Vortrag zu den Annahmen der künftigen Fertilitätsentwicklung in Deutschland

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Thomas Nice, (Statistisches Bundesamt) bei seinem Vortrag "Geburtenrückgang in der EU"

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Prof. Dr. Martin Bujard, (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung) bei seinem Vortrag zum anhaltenden Geburtenrückgang

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Prof. Dr. Martin Bujard, (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung) im anschließenden Interview mit dem Chefkorrespondent, Gennaro Pellino, des italienischen Fernsehsenders "RAI – Radiotelevisione Italiana"

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Das Kamerateam des italienischen Fernsehsenders "RAI – Radiotelevisione Italiana" begleitete das Berliner Demografiegespräch

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Rund 40 Gäste vor Ort und 140 weitere Online-Gäste aus dem politischen Berlin verfolgten die Veranstaltung