Veranstaltungen 15. Wissenschaftliche Tagung am 20. und 21. Juni 2024

Datenerhebung, Datenqualität und Datenethik in Zeiten von künstlicher Intelligenz

Personalisierende KI im Lebensmitteleinzelhandel - Zentrale Herausforderung für die Erhebung des klassischen Warenkorbes

Prof. Alexander Markowetz, Qais Kasem

Murmuras GmbH, Bonn

Abstract

Der Lebensmitteleinzelhandel durchläuft den radikalsten Wandel seit der Einführung des Supermarktes. Retail-Apps wie Lidl Plus verändern das Einkaufsverhalten der Bevölkerung nachhaltig. Als Nebeneffekt erschweren sie leider die Erstellung eines Preisindexes mittels eines klassischen "Warenkorbes". Mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), wird sich dieses Problem noch weiter verschärfen. Parallel eröffnet die Digitalisierung jedoch auch völlig neue Methoden zur Erhebung von Lebensmittelpreisen.

Die nahtlos ineinandergreifenden Funktionalitäten moderner Einkaufsapps verhalfen diesen zu enormer Popularität. Die Apps verdrängen den traditionellen Papier-Prospekt, speichern Kassenzettel, erheben Daten für interne Marktforschung und verfügen über eine eigene Bezahlfunktion. Alleine auf Android Telefonen verzeichnet die App der REWE-Kette aktuell fünf Millionen Downloads, "Mein DM" ganze zehn, und Lidl Plus (global) sogar fünfzig Millionen.

Die wichtigste Funktionalität von Retail Apps liegt in digitalen Rabatt-Coupons. Kunden können diese in den Apps aktivieren und bekommen an der Kasse einen entsprechenden Rabatt gutgeschrieben. Meist handelt es sich um produktbezogene Coupons (z.B. 20 % auf Hipp Babynahrung); jedoch nicht
zwangsweise (z.B. pauschale 5 € für jeden Einkauf über 40 €). Der Einsatz dieser Coupons findet gänzlich innerhalb der Apps statt. Derart entzieht er sich der klassischen Preiserhebung im Supermarkt.

Erschwert wird die Situation durch eine zunehmende Personalisierung und den Einsatz von KI. Letztere entscheidet zunehmend , welchem Nutzer für welches Produkt welcher Rabatt angeboten wird. Es reicht also nicht einmal, die Rabatt-Coupons eines einzelnen Testkäufers zu monitoren, denn keine zwei Nutzer werden jemals mehr die gleichen Coupons erhalten.

Der Ausweg liegt in dem kontinuierlichen Monitoring der Shopping-Apps ganzer Kohorten, über Monate und Jahre. Hierbei ermittelt eine KI innerhalb des Smartphones sämtliche Interaktionen mit Retail-Apps: Coupon gesehen, aktiviert, eingelöst. Diese übermittelt sie für statistische Auswertungen
an einen Server. Andere (intimere) Interaktionen hingegen ignoriert sie und erfüllt damit das Prinzip der Datensparsamkeit.

Der Vortrag erläutert zunächst prinzipielle Mechanismen digitalen Couponings im Lebensmitteleinzelhandel sowie der wissenschaftlichen Erfassung mittels On-Screen Technologie. Im Anschluss zeigt er er den Einsatz digitaler Coupons anhand verschiedener Statistiken und Erhebungen des vergangenen Jahres. Der Vortrag endet mit einem Ausblick über die Zukunft des traditionellen Warenkorbes in Zeiten personalisierender KI.