Normalansicht

Navigation und Service

Logo Destatis - Statistisches Bundesamt, Link zur Startseite

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

Wie misst man Wohlstand?

Wie misst man den Wohlstand und die Lebens­qualität der Menschen in einem Land? Häufig war bei dieser Frage in der Ver­gangen­heit der Blick verengt auf wirt­schaft­liche Größen gerichtet, wie das Brutto­inlands­produkt und dessen Wachstums­rate. Der im September 2009 vorgelegte Bericht einer hochrangig besetzten inter­nationalen Kommission unter der Leitung des Nobel­preis­trä­gers Joseph Stiglitz hat die Diskussion über die adäquate Messung von Wohl­stand und sozialem Fort­schritt noch einmal neu ent­facht. Mittlerweile besteht ein weit­gehender gesell­schaft­licher Konsens darüber, dass es sinnvoll ist – über die rein wirt­schaft­liche Entwicklung einer Gesell­schaft hinaus – weitere unparteiische Analysen durch eine umfassende und konsistente Sozial­bericht­erstattung bereit­zu­stellen, die auch Aspekte der Nach­haltig­keit beinhaltet.

Eine erste Reaktion auf den Bericht der Stiglitz-Kommission kam vom deutsch-französischen Minister­rat im Februar 2010. Dieser erteilte den Wirtschafts-Sach­ver­ständigen­räten der beiden Länder den Auftrag, eine Expertise zu erarbeiten, wie Empfehlungen der Kommission umgesetzt werden könnten. Diese Expertise wurde im Dezember 2010 vorgelegt.

In Deutschland hat die Bundestags-Enquete-Kommission "Wachs­tum, Wohlstand, Lebens­qualität" Mitte April 2013 ihren Gesamt­bericht ver­abschiedet. Sie empfiehlt darin einerseits ein breiteres und nach­haltiges Wohl­stands­ver­ständ­nis. Anderer­seits fordert sie eine umfassendere und laufende Messung, bei der die beiden Bereiche Soziales und Teilhabe sowie Ökologie gleich­berechtigt neben die Dimension materieller Wohlstand treten. Die Enquete-Kommission schlägt für die drei Bereiche insgesamt zehn Leitindikatoren vor, um Wohl­stand und gesell­schaft­lichen Fort­schritt umfassender beobachten zu können. Ergänzend empfiehlt die Kommission Variablen, die bei Über­schreitung fest­gesetzter Schwellen­werte als Warn­lampe auf­leuchten. Der Umfang von unbezahlter Arbeit, wie Haus­arbeit oder ehren­amt­liche Aktivi­täten, wird mit einer sogenannten Hinweis­lampe beobachtet.

[BILD]

Materieller WohlstandSoziales und TeilhabeÖkologie
Leitindikatoren
BIPBeschäftigungTreibhausgase national
EinkommensverteilungBildungStickstoff national
StaatsschuldenGesundheit (Lebenserwartung)Artenvielfalt national
- Freiheit-
Warnlampen
NettoinvestitionenQualität der ArbeitTreibhausgase global
VermögensverteilungWeiterbildungStickstoff global
Finanzielle Nachhaltigkeit
des Privatsektors
Gesundheit
(Gesunde Lebensjahre)
Artenvielfalt global
Hinweislampe-
Nicht-marktvermittelte
Produktion

Auf inter­nationaler Ebene griffen vor allem Eurostat und die OECD--Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Empfehlungen der Stiglitz-Kommission auf und diskutierten sie. Eurostat berief bereits im Februar 2010 eine hoch­rangig besetzte Arbeits­gruppe ein, die im Januar 2012 einen Bericht vorlegte: Dieser enthielt Vor­schläge, wie die Empfehlungen der Stiglitz-Kommission vor dem Hinter­grund der Gegeben­heiten im Europäischen Statistischen System umgesetzt werden könnten.

Die OECD--Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die auf dem Gebiet der Messung von Wohl­fahrt und sozialem Fort­schritt schon vor Ein­berufung der Stiglitz-Kommission sehr aktiv war, legte im Jahr 2011 einen ersten – bewusst als vorläufig bezeichneten – Entwurf für ein Indikatoren­set zur statistischen Messung von Wohl­fahrt vor mit dem Titel "How’s Life? Measuring Well-Being". Im Oktober 2012 veranstaltete die OECD--Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Neu-Delhi ihr viertes Welt-Forum zum Thema "Measuring Well-being for Development and Policy Making".

Auch das Statistische Bundesamt beteiligt sich umfassend an der Wohl­fahrts­debatte: Bereits im November 2010 veranstaltete das Statistische Bundes­amt gemeinsam mit der Deutschen Statistischen Gesell­schaft in Wies­baden ein wissen­schaft­liches Kolloquium zum Thema Wohl­fahrts­messung. Intensiv diskutiert wurde dieses Thema ferner bei der Statistischen Woche 2011 in Leipzig unter dem Titel "Jenseits des Brutto­inlands­produkts – die Vermessung der Wohlfahrt" wie auch in einigen wirtschafts­wissen­schaft­lichen und statistischen Fach­publikationen, u. a. im "Wirtschaftsdienst" 2009 und 2010 und "Ifo--Institut für Wirtschaftsforschung-Schnelldienst".

Der deutschen amt­lichen Statistik steht bereits ein breiter Fundus von Daten zu einem großen Spektrum relevanter Teilbereiche der Gesell­schaft zur Ver­fügung. Sie besitzt darüber hinaus ein­schlägige Erfahrungen bei der Erstellung von Indikatoren­berichten. Der zwei­jährlich erscheinende Sozial­bericht für die Bundes­republik Deutsch­land und der Indikatoren­bericht zur nach­haltigen Ent­wicklung sind zwei heraus­ragende Beispiele. Notwendig ist nun der Aufbau einer konsistenten und auch international abgestimmten statistischen Berichterstattung.

Zusatzinformationen

Presse­mitteilungen

Private Konsumausgaben 2013 auf knapp 1,6 Billionen Euro gestiegen

Ausführliche Ergebnisse zur Wirtschafts­leistung im 4. Quartal 2013

Ausgeglichener Staatshaushalt im Jahr 2013 – Maastrichtquote bei + 0,0 %

VGR-Revision 2014

Ab September 2014 gelten europa­weit die revi­dierten Kon­zepte des ESVG 2010. Was be­deutet das für die VGR-Daten?

© Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2014